Lebenslauf

 



      
   

Vorname:

Ismar: Dieser Name heißt aus dem Hebräischen übersetzt: "Hören". Denn der Vorname "Ismar" taucht zum Beispiel im Vornamen "Isma"-"el" ( 1. Mose 16, 11 ) auf und bedeutet dort ( laut der Züricher Bibelübersetzung ) "Gott hört", wobei die Endung "el" für den Hochgott der Kanaaniter steht. Man kann den Vornamen "Ismar" aber auch im hebräischen Glaubensbekenntnis finden: "Schma Jisrael" ( "Höre Israel" ), mit dem das tägliche Gebet der Juden beginnt.

Nachname:

Groß: Jesus Christus sagte hierzu ( Markus 10, 43 ): "Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein." Darum gilt es, das Wort zu verkünden und dafür einzutreten - ob man es nun hören will oder nicht. Des Weiteren weise man zurecht in aller Geduld und Weisheit.

Geboren:

1963 in Berlin ( im Auguste-Viktoria-Krankenhaus in der Nähe vom Grazer Platz um 18:40 Uhr ). Hinweis: Ein Auguste-Viktoria-Krankenhaus ( mit Himmelfahrtkirche ) befindet sich übrigens auch auf dem Ölberg bei Jerusalem.

Familienstand:

   Verheiratet ( )

Konfession:

Ich wurde evangelisch-lutherisch getauft und konfirmiert ... und bin dann, als mir klar wurde, dass die christliche Mystik in der protestantischen Kirche nicht so richtig zu Hause ist, konvertiert zu der römisch-katholischen Kirche.

Es gibt in der protestantischen Kirche zwar nicht wenige bedeutende Mystiker ( zum Beispiel: Jakob Böhme ( 1575-1624 ) und Emanuel Swedenborg ( 1688-1772 ) ), aber bezeichnenderweise stehen sie fast ausnahmslos außerhalb des offiziellen Kirchentums, entweder notgedrungen oder in freier Entscheidung aus einem spiritualistischem Unabhängigkeitsdrang heraus. Die protestantische Kirche steht demnach mit der Mystik fast durchweg auf Kriegsfuß. Man apostrophiert sie etwa als Selbstüberhebung, als Selbsttäuschung, als krankhafte oder zur Krankheit führende Illusion, als welt- und lebensverneinend, als Quadratur des Kreises oder einfach als Magie. Der tiefere Grund für diese Ablehnung der Mystik in der protestantischen Kirche dürfte darin liegen, dass ihm die Mystik nicht nüchtern genug erscheint. In der Neuoffenbarung heißt es deshalb - recht eindeutig: "Wahrlich sage Ich euch, es wird nicht leicht jemand zu Meinem lebendigen Worte gelangen in irgendeiner Sekte, als nur in der römischen Kirche." ( Himmelsgaben, Bd. 3, Kundgabe v. 15.08.1840, V. 6 )

Der Bibelübersetzer Martin Luther ( 1483-1546 ) selber hatte zunächst ein tiefes Verhältnis zur Mystik. Dann verwarf er sie jedoch im Bann der Heiligen Schrift und des Schriftprinzips der "sola Scriptura" als "eitel", als "Phantasie und Schwärmerei". Luther verabsolutierte bekanntlich das Schriftprinzip und hatte damit nichts mehr übrig für jede Art von Privatoffenbarung. ( Viele Reformatoren haben die Privatoffenbarungen nicht nur abgelehnt wegen ihres vielfachen Missbrauchs in der damaligen Zeit, wegen ihres Sola-Scriptura-Prinzips und wegen ihrer grundsätzlichen Abneigung gegen die Werke und gegen die mönchische Askese beziehungsweise gegen die Mystik, in deren Kontext nicht selten Privatoffenbarungen eine Rolle spielten, sondern vor allem wegen ihres Kirchenbildes. Sie verstanden die Kirche nicht als eine übernatürliche Realität, sondern als ein rein soziologisches Gebilde, allein von dieser Welt. )

Der antimystische Affekt Luthers blieb als Erbe der Reformatoren bis in die Gegenwart hinein. Denn die protestantische Kirche hat hier meines Erachtens einen gewissen Zug zum Rationalismus: Es herrscht in ihr viel zu sehr der rational-diskursive Stil vor, während in der römisch-katholischen Kirche auch der rational-intuitive Bereich ( das geistige Erlebnis, die geistige Erfahrung ) seinen religiösen Platz einnehmen darf.


P. Prof. Bernhard Vosicky spricht über das Wesen der christlichen Mystik
Teil 1
Teil 2

Doch auch die römisch-katholische Kirche hat ihre Probleme mit der Mystik, speziell mit dem mystischen Subjektivismus, der sich gegen das Lehramt der römisch-katholischen Kirche stellt, da er ( nach Meinung des Lehramtes ) zu einer Verfälschung des christlichen Glaubens führt. Das heißt: Die römisch-katholische Kirche befürchtet, dass durch den mystischen Subjektivismus der kirchliche Sinn stufenweise bis hin zu seinem Abfall zerstört wird. Aus diesem Grund lehnt sie ausdrücklich das Verlangen nach subjektiven neuen Privatoffenbarungen ab, die über die Überlieferung hinausgehen. In einer Schrift Tertullians ( 150-220 ) heißt es hierzu: "Wir brauchen keine Neugier mehr, nachdem wir Christum Jesum haben; wir brauchen keine Forschung mehr, nachdem wir das Evangelium haben. Da wir glauben, verlangen wir nichts weiteres mehr zu glauben. Denn das eben glauben wir von vornherein, dass es nichts mehr gebe, was wir noch darüber hinaus zu glauben hätten."

Der mystische Subjektivismus führt ( nach Meinung der römisch-katholische Kirche ) ins Glaubenschaos, da er sich gegen die kirchliche Position, also gegen die Objektivität wendet. Das ist stets der Kern des Streites zwischen den mystischen Schwarmgeistern und dem kirchlichen Lehramt. Für die subjektive ( schwarmgeistige ) Mystik, die sich der vernünftigen Prüfung des Lehramtes und dem Maßstab des überlieferten Glaubensguts entzieht, gibt es keinerlei objektive Instanz, erscheint jede Lehrautorität als Anmaßung und somit als wertlos. Immer wieder hat deshalb das Lehramt der römisch-katholischen Kirche in der Geschichte mystische Lehren als unecht verurteilt beziehungsweise bestimmte Thesen von Mystikern zurückgewiesen.

Papst Urban VIII. hat sogar in seinem wichtigen Dekret vom 13. März 1625 und in einer weiteren Erklärung vom 5. Juli 1634 bestimmt, dass alle Bücher, die mystische Privatoffenbarungen enthalten, vor dem Druck durch den Bischof unter Mithilfe von Theologen geprüft werden und dass darüber Bericht erstattet wird an den Heiligen Stuhl, dessen Antwort vor der Drucklegung abzuwarten bleibt. Der erste Teil dieser Regelung gilt – ein wenig modifiziert - noch heute. Wenn die Prüfung nicht erfolgt ist, muss das in der Publikation ausdrücklich vermerkt werden. Das Anliegen der Kirche ist auch hier die Bewahrung der Mystik vor subjektivistischen, quietistischen und schwärmerischen Auswüchsen.

Doch auffällig ist, dass selbst schon Papst Benedikt XIV. ( 1675-1758 ) nachdrücklich in seinem Werk über die Seligsprechung der Diener Gottes die Irrtumsmöglichkeit im mystischen Einzelerlebnis selbst bei kirchlich anerkannten Heiligen hervorgehoben hat. Kritisch weist er darauf hin, dass es in der römisch-katholischen Kirche heiliggesprochene Mystikerinnen ( gemeint ist hier unter anderem die heilige Katharina von Siena ( 1347–1380 ), eine der größten Mystikerinnen der römisch-katholischen Kirche ) gebe, die in der Ekstase, also im echten mystischen Erlebnis, so große Phantastereien niedergeschrieben oder diktiert hätten, dass die römisch-katholische Kirche den Druck ihrer Schriften habe verbieten müssen. ( Hintergrund: Katharina soll in einer Beschauung die Belehrung erhalten haben, dass die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens nicht der Wahrheit entspreche. Damals war dieses Dogma der römisch-katholischen Kirche, das später, im Jahre 1854, feierlich verkündet wurde, noch nicht überall in der römisch-katholischen Kirche durchgedrungen und Katharina war als Dominikanerin stark beeinflusst von den Lehrern ihres Ordens, die mit Thomas von Aquin ( 1225-1274 ) eine Unbefleckte Empfängnis Mariens für nicht geoffenbart hielten. 1958 gibt sich dann die Mutter Gottes in Lourdes, einer kleinen Stadt in den französischen Pyrenäen, der vierzehnjährigen Bernadette Soubirous ( 1844-1879 ) als die "Unbefleckte Empfängnis" zu erkennen. Papst Pius X. ( 1835-1914 ) sah in diesen Erscheinungen von Lourdes eine himmlische Bestätigung des Dogmas von 1854. Im Jahre 1925 wurde die Seherin, die bereits 1879 fünfunddreißigjährig als Ordensfrau in Nevers gestorben war, selig gesprochen, 1933 wurde sich heilig gesprochen. In den Jahren 1909 und 1925 war ihr Leichnam amtlich untersucht und als unverwest bestätigt worden. Noch heute ist er unverwest. In einem gläsernen Sarg ruht er in der Kirche jenes Klosters in Nevers, in dem die Heilige vor über 130 Jahren gestorben ist. Hinweis: Bei Bernadette Soubirous erfolgte die Exhumierung erst Jahrzehnte nach ihrem Tod, weshalb sich die Unversehrtheit ihres Leichnams auch erst Jahrzehnte später herausstellte. )


Die Gotteserfahrungen der Mystikerin Mechthild von Magdeburg ( 1207-1294 )


Gerade vor diesem Hintergrund stellt der katholische Priester, Mystiker und Kirchenlehrer Franz von Sales ( 1567-1622 ), wie ich finde, hierzu passend in seinem Buch "Theotimus" die mystische und die wissenschaftliche Theologie in folgendes Verhältnis: "Gleichwie Gott der Gegenstand der wissenschaftlichen Theologie ist, so spricht auch die mystische Theologie von Gott, jedoch mit einem dreifachen Unterschied. Jene betrachtet nämlich erstens die Göttlichkeit der allerhöchsten Güte, diese die allerhöchste Güte der Gottheit. Zweitens spricht die Theologie der Schule über Gott zu den Menschen und mit den Menschen, die Mystik aber gilt dem Sprechen des Menschen von Gott, zu Gott, mit Gott. Drittens strebt die wissenschaftliche Theologie nach der Erkenntnis Gottes, die Mystik aber gilt der Liebe Gottes."

Mein eigentliches "Zuhause" ist demnach nicht so sehr die äußere Verstandes-Kirche beziehungsweise die Konfession - also weder die petrinische ( römisch-katholische ) noch die paulinische ( protestantische ), sondern vielmehr die innere, johanneische ( mystisch ausgerichtete ) Kirche, die bestimmt ist von einer tiefen Verwurzelung in Gott beziehungsweise dem Einssein der menschlichen Seele mit dem Göttlichen. In der Neuoffenbarung spricht in diesem Zusammenhang der Herr über Sich Selbst: "Ich bin die Heilige Schrift lebendig und Leben gebend, Ich bin der beste Ausleger derselben und bin zugleich der allertiefste Mystiker!" ( Himmelsgaben, Bd. 3, Kundgabe v. 15.08.1840, V. 20 ) Demnach bezeichnet Sich der Herr, das Wort Gottes, hier Selbst als einen Mystiker, der die Vereinigung mit dem göttlichen Wort als den höchst möglichen Grad von Gottverbundenheit auf Erden versteht.

Es geht hier, wohl verstanden, um die Vereinigung mit Gott, nicht nur um die Identifikation mit Ihm. Das heißt: Es geht um eine geistige Begegnung mit dem lebendigen Gott. Denn christliche Mystik meint nicht bloße Bewusstseinserweiterung oder gar gegenstandslose Leere, sondern Begegnung mit dem personalen Absoluten, mit dem ewigen und unbegreiflichen Du Gottes: Das ist das Zentralerlebnis der christlichen Mystik, von dem Teresa von Avilas ( 1515-1582 ) in ihrer Schrift "Die innere Burg" schreibt: "Der Geist vereint sich derart mit Gott, dass er ein und dasselbe Ding wird ... Die Seele ist ganz umgewandelt in ihren Schöpfer ... Sie scheint mehr Gott zu sein als sie Seele bleibt."


Bei der Mystik durchdringt das Göttliche die Seele bis ins Innerste.


Gemäß der johanneischen Geist-Kirche muss das kleine menschliche "Ich" im Menschen sterben, damit das große ( göttliche ) "Geist-Ich" im Menschen lebendig werden kann. Das heißt: Der "Erdenmensch" muss abnehmen, muss loslassen von sich selbst, und alles, was mit dem leiblichen Leben zusammenhängt, zum Schweigen bringen, damit der göttliche "Geistmensch", das Gewissen im Menschen, an Bedeutung zunehmen kann. Denn die Mystik ist nicht Selbstzweck, sondern Ausgangspunkt für ein sinnvolles Wirken in der Welt. Mystik und Missionswille ergänzen einander in einzigartiger Weise: Die Stille ist auf das Zeugnis hin ausgerichtet.

Hierzu schreibt das Zweite Vatikanische Konzil in "Gaudium et spes", Nr. 16: "Im Innern seines Gewissens entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt, sondern dem er gehorchen muss und dessen Stimme ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten und zur Unterlassung des Bösen anruft und, wo nötig, in den Ohren des Herzens tönt: Tu dies, meide jenes. Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehorchen eben seine Würde ist und gemäß dem er gerichtet werden wird. Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist. Im Gewissen erkennt man in wunderbarer Weise jenes Gesetz, das in der Liebe zu Gott und dem Nächsten seine Erfüllung hat. Durch die Treue zum Gewissen sind die Christen mit den übrigen Menschen verbunden im Suchen nach der Wahrheit und zur wahrheitsgemäßen Lösung all der vielen moralischen Probleme, die im Leben der Einzelnen wie im gesellschaftlichen Zusammenleben entstehen. Je mehr also das rechte Gewissen sich durchsetzt, desto mehr lassen die Personen und Gruppen von der blinden Willkür ab und suchen sich nach den objektiven Normen der Sittlichkeit zu richten."



In diesem Sinne spricht auch der Herr in einer Kundgabe durch Gottfried Mayerhofer ( 1807-1877 ) über die Religion der Zukunft: "Bedenket, dass Ich ein Geist bin, und die Ausübung Meiner Lehre nur geistig aufgefasst und sodann ins praktische Leben übertragen werden muss." ( Kennzeichen unserer Zeit, "Geistige und natürliche Diät-Winke", Kundgabe v. 13.09.1872 ) Und weiter spricht der Herr in einer anderen Kundgabe durch Gottfried Mayerhofer: "Wer Mich anbeten will, muss Mich im Geist und in der Wahrheit anbeten. Denn Ich bin ein Geist, und geistig beten heißt: Fühlen, wie in allem Gottes Geist verborgen ist, fühlen, wie Er Seine Liebe in alles hineingelegt hat, fühlen, wie nur mit und durch Liebe eine jede Welt, ein jeder Aufenthalt und eine jede weltliche Lage zum Paradies werden kann ...

Ohne Liebe gibt es kein Vertrauen, kein Zutrauen und keinen Trost. Allein der Gedanke: "Liebe kann nicht strafen", erhebt auch den Tiefgebeugtesten. Es durchströmt eine sanfte Wärme sein Herz bei solchen Gedanken, und wenn er erst noch die ganze Natur verstehen lernt, wie alles Liebe atmet, wo selbst unter mannigfachsten Widersprüchen doch nur Liebe wirkt, dann wird sich ein jeder einer Religion, eines religiösen Bekenntnisses bewusst sein, welches ihn in allen Fällen leiten und führen wird, keine Fürsprecher bei seinem göttlichen Vater benötigt, und welches auf Erden hier als nächster Richter nur sein eigenes Gewissen, und dann, des sanften, stets Sich gleich bleibenden Vaters über ihm eingedenk, eine Religion begründen wird, als die einzige, die von Mir gepredigt und von euch befolgt, die Religion der Zukunft ausmachen wird." ( Kennzeichen unserer Zeit, "Die Religion der Zukunft, Teil 2", Kundgabe v. 12.02.1876 )

Diese Religion der Zukunft wird meines Erachtens die "Logos-Mystik", die geistige Wesensverwandlung des Menschen in der Gemeinschaft mit Christus, sein. Denn in dieser Mystik liegt der verborgene geistliche Sinn der Heiligen Schrift und vor allem die in der Taufe grundgelegte geheimnisvolle Gemeinschaft des Menschen mit Christus, welche ja auch die Grundlage der zukünftigen johanneischen Kirche ist, die der Abt Joachim von Fiore ( 1130-1202 ) mit dem Dritten Zeitalter, dem Zeitalter des Heiligen Geistes, prophezeit hat. Dieses Zeitalter tritt ein mit dem "Ewigen Evangelium" ( Offenbarung 14, 6 ), womit Joachim von Fiore nicht so sehr ein weiteres Evangelium verstand, sondern vor allem den Zustand, da Gottes neues Volk, den geistigen Sinn der Heiligen Schrift erfasst ( Hesekiel 36, 26-27 ): "Und Ich will euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres legen ... Ja, Ich will Meinen Geist in euer Inneres legen und werde bewirken, dass ihr in Meinen Satzungen wandelt."

Wenn auch das Wort "Mystik" nicht in der Heiligen Schrift auftaucht, so ist doch die Sache der Mystik etwas, das zutiefst mit dem Wesen der biblischen Offenbarungsreligion zusammenhängt. Sie ist von daher ein integrales Moment des Christentums, sofern sich das Christentum als eine Offenbarungsreligion versteht. Denn nicht von ungefähr heißt auch das letzte Buch der Bibel "Die Offenbarung des Johannes", das man am besten als das Buch der Wiederherstellung des Paradieses verstehen kann: So wie das 1. Buche Mose mit dem Bild eines Garten beginnt, so kehrt die Menschheit am Ende wieder zum Garten zurück.



In dem Zeitraum zwischen den beiden Gärten erlebte die Menschheit bereits mit, wie versucht wurde, eine Gottesstadt zu errichten, das Königreich Israels aufzubauen und das wahre Jerusalem zu schaffen. Am Ende, nach all den Jahrtausenden der Geschichte, nach all dem vergossenen Blut, nach all der Absurdität und Sinnlosigkeit, nach allem Warten und Hoffen sehen die Menschen in der heutigen ( biblischen ) Endzeit, dass Gott ihnen schließlich das neue Jerusalem ( Offenbarung 21, 2 ) schenkt. Denn Er Selbst schafft mit der johanneischen Geist-Kirche der Neuoffenbarung das Paradies auf Erden, einen neuen Himmel und eine neue Erde ( Offenbarung 21, 1 ), auf der die Gotteserkenntnis ( begründet auf dem geistigen Verständnis Heiligen Schrift ) und die unmittelbare Gottesschau ( begründet durch die ( sichtbare ) Wiederkunft Christi ) im krassen Unterschied zum heutigen gewöhnlich-christlichen Leben stehen: Die Angehörigen der johanneischen Geist-Kirche der Neuoffenbarung warten auf die ( sichtbare ) Wiederkunft Christi, der zunächst ( unsichtbar ) in Seinem Neuen Wort für die Gläubigen kommt, um sie nach Hause in den ( geistigen ) Himmel zu holen, bevor dann die endzeitlichen Gerichte Gottes über diese Erde kommen.

In diesem Sinne war schon die alttestamentliche Mystik auf die Zukunft hin ausgerichtet, und stets hatte sie auf den Messias hingewiesen, den Erlöser, der die Gemeinschaft des Menschen mit Gott wieder herstellen soll, jene Gemeinschaft des Menschen mit Gott, die durch die Sünde Adams verlorengegangen war. Die messianische Hoffnung ist ein integrales Prinzip des Alten Testamentes. Ohne sie ist das Alte Testament eigentlich nicht zu verstehen. Das ganze Alte Testament ist messianisch akzentuiert. Das gilt auch für die alttestamentliche Mystik. Auch sie ist wesenhaft messianisch akzentuiert. Sie ist auf das Neue Testament hin ausgerichtet. Sie hat das Neue Testament zum Ziel. Demgemäß heißt es im Johannes-Evangelium ( Johannes 8, 56 ): "Abraham, euer Vater, jubelte, dass Er Meinen Tag sehen sollte, Er sah ihn und freute sich."

Sofern das Alte Testament im Neuen seine Vollendung findet, beginnt mit dem Neuen Bund ein neues Kapitel der Mystik. Im Neuen Testament ist die Mystik, ist das mystische Erleben dominanter als im Alten. ( Im Alten Testament wird die Gegenwart Gottes noch ausgedrückt mit "vor Seinem Angesicht" ( 1. Könige 17, 1 ) stehen. ) Im Neuen Testament ist es vor allem die Aussage, dass Christus den Vater sichtbar und greifbar macht ... Und Er ist der Mittelpunkt von allem. Von Bernhard von Clairvaux ( 1090-1153 ) stammt hierzu das Wort: "Man erkennt Gott so weit, als man Ihn liebt."



Einundachtzig Mal wird der Name "Jesus" zum Beispiel im Markus-Evangelium genannt. Damit wird deutlich, dass der Herr Jesus die wichtigste Person in diesem Evangelium ist. Er ist wirklich das Zentrum der Geschichte ... und interessanterweise verbirgt sich in den Namen Jesus der alttestamentliche Gottesname "Jahwe". In Verbindung mit diesem Namen bedeutet Jesus: "Jahwe ist Retter." "Jahwe ist Erlöser." "Jahwe ist Heiland."

Ein sehr wichtiger Aspekt dieses Namens wird auch in Matthäus 1, 21 genannt. Der Engel sagt zu Joseph: "Du sollst Ihm den Namen Jesus geben, denn Er wird Sein Volk retten von ihren Sünden." In dieser Bibelstelle liegt der Schwerpunkt darauf, dass Jesus der Heiland und Retter ist und die Vergebung der Sünden bewirkt. Er rettet damit jeden Menschen, der Ihn in sein Leben aufnimmt.

Eine weitere Bedeutung des Namens von Jesus findet man in Lukas 1, 31-33. Dort spricht der Engel zu Maria: "Du sollst Ihn den Namen Jesus geben. Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott, der Herr, wird Ihm den Thron Seines Vaters David geben und Er wird regieren über das Haus Jakob." Jesus ist hier nicht nur Retter. Jesus ist hier der "Herr". In der griechischen Sprache liest man hier den Begriff "kyrios". Das heißt, das Jesus Christus Seine Herrschaft im Leben von Menschen aufrichten will, die Ihm glauben und vertrauen.

In gleicher Weise, wie sich die Entwicklung vom Alten zum Neuen Testament vollzog, findet sie ihre Fortsetzung vom Neuen Testament zur Neuoffenbarung, dem so genannten "Dritten Testament" der johanneischen Geist-Kirche. Hier - im Neuen Wort - gewährt Gott den Menschen den innigen Umgang mit Jesus Christus. Denn diese Neuoffenbarung verbindet gefühlswarme Innerlichkeit mit ernstem sittlichem Streben ... und durch die liebevolle Hingabe an Ihn, den himmlischen Lehrer, wird der gläubige Mensch nicht nur ein Bild Gottes, sondern - im Sinne der Neuoffenbarung - gar vergöttlicht. Was diese Vergöttlichung, diese mystische Vereinigung, verhindert, das ist die Tatsache - so sagt es die Neuoffenbarung -, dass die Seele selber nicht bei sich ist, sondern durch die Tore der Sinne beständig sich in die Außenwelt hinein ergießt, von ihr sich anziehen und betören lässt und so ihre Liebe an Unbeständiges und Nichtiges verschwendet. Wenn sie sich aber sammelt ( mit der Gnade Gottes ) und in ihr Inneres einkehrt, so findet sie Gott.

Mit großem Nachdruck betont aber auch die Neuoffenbarung, dass der "Ruhe der Beschauung" die Arbeit der "Übung der Tugend" vorangehen muss. Und in diesem Zusammenhang lautet auch ein Zitat von dem französischen Philosophen und Schriftsteller Voltaire ( 1694-1778 ): "Die Arbeit hält drei große Übel fern: Die Langeweile, das Laster und die Not." Es ist also sinnvoll, das tätige Leben auch als "Übung der Tugend" zu verstehen.

Normalerweise ist der Mensch eigentlich nicht der Typ, der auf Atemübungen steht oder gern der Aufforderung "Spüre deine Füße, spüre den Boden" folgt. Doch es macht Sinn, sich vor zum Beispiel jedem Telefonat, vor jeder wichtigen Besprechung und Entscheidung die Zeit zum Innehalten zu nehmen. Denn wer sich emotional und mental zurücknimmt, um in einer nicht wertenden Haltung die Situation vorurteilsfrei zu betrachten, lernt dabei auch, den Göttlichen Willen zu akzeptieren und damit umzugehen. Solche Menschen werden auf diese Weise lebensfroher und optimistischer.

Sternzeichen:

Fische ( Aszendent: Jungfrau ): Das Fische-Zeichen, das die Sonne in der Zeit der Schneeschmelze durchschreitet, ist das letzte Zeichen des Tierkreises. Da wird alles eingeschmolzen und aufgelöst, was im Winter erstarrt und verhärtet war. Darum ist das Fische-Zeichen ein Zeichen der Selbstaufgabe und des Opfers.

Die Kombination des Sternzeichen Fische mit dem Aszendenten Jungfrau bedeutet ( astrologisch gesehen ), dass hier das ( mystische ) Fische-Zeichen im Gegensatz zu dem ordnungsliebenden Merkur-Zeichen Jungfrau steht. Das heißt: In diesem Fall treten zwei scheinbar unvereinbare Gegensätze auf: Die Rationalität und die Irrationalität, die Diesseitigkeit und die Jenseitigkeit, die fischhafte Innigkeit und die Objektivität der jungfräulichen Wissenschaft ( beziehungsweise: die mit ihr einhergehende sachlich-logische Technik ).

In der Astrologie kann man hierzu nachlesen: Je älter man wird, um so mehr setzen sich die Eigenschaften des Aszendenten bei einem Menschen durch. In diesem Fall ist in der Astrologie bekannt, dass der vernünftige Jungfrau-Mensch die Fähigkeit hat, geistig zu ernten, Fruchtlese und kritische Auslese zu halten, die Güter der Erde zu erkunden und diese nutzbringend zu verwenden.

Hinweis: Astrologisch betrachtet gilt der Merkur als der Planet, dem Geist, Verstand und Intellekt zugeordnet werden. Er repräsentiert bei dem Horoskop die kommunikative und intellektuelle Seite beim Menschen und ist für das Aufnehmen und Weitergeben von Informationen zuständig. Als innerster Planet ist er der Sonne am nächsten.

Des Weiteren ist vielleicht auch aufschlussreich, dass Merkur bei den Griechen Hermes hieß. Das heißt: Er ist ein doppeldeutiger Planet. Dies zeigt sich auch in seinem astronomischen Zeichen: Oben ist die Mondsichel ( der Mond entspricht astrologisch der Seele und dem Gefühlsbereich ) und unter dieser ist die Sonne ( astrologisch: Geist, Gottesfunken ), darunter ist ein Kreuz ( mystischer Weg ). Die Bedeutung des mit der Sonne verbundenen Mondes ist daraus zu entnehmen, dass im astronomischen Zeichen der Halbmond mit dem astronomischen Zeichen der Venus - oder Aphrodite - ( Sonne und Kreuz ) verbunden ist. Hermes ( Merkur ) und Aphrodite gaben in ihrer Vereinigung den Hermaphroditen, das doppelgesichtige Wesen, welches eben die mystische Hochzeit, die Vereinigung der Jungfrau Seele mit Jesus Christus andeutet. ( Erläuterung: Die mystische Hochzeit ist der Gipfelpunkt des mystischen Weges, weil sie das Ineinanderaufgehen Gottes mit den Menschen bedeutet. )

Anmerkung zur Astrologie: Die alte Lehre, dass der Mensch ein Mikrokosmos und der Himmel ein Makrokosmos ist und dass es zwischen beiden eine unsichtbare, geheimnisvolle Beziehungen gibt, ist leider mehr und mehr vergessen worden. Doch in der heutigen Zeit des wissenschaftlichen Fortschritts erkennen - trotz aller "Aufklärung" - immer mehr Menschen wieder neu, dass die Astrologie eine Orientierungshilfe für den "Weg zum eigenen Selbst" ist. Der Psychologe C. G. Jung ( 1875-1961 ) schreibt hierzu: "Die Kulturbanausen glaubten bis vor kurzem. dass sich die Astrologie seit langem erledigt hat und etwas ist, worüber man ruhig lachen kann. Aber heute erhebt sie sich aus den gesellschaftlichen Niederungen und klopft an die Türe der Universitäten, aus denen sie vor mehr als dreihundert Jahren verbannt wurde."

Ja, selbst in der Kabbala heißt es: "Im weiten Himmelsraume, dessen Wölbung unsere Welt umgibt, finden sich Figuren und Zeichen, mittels derer wir die tiefsten Geheimnisse entdecken können. Sie sind geformt durch die Sternbilder und Sterne. Diese glänzenden Formen sind die Buchstaben, mit denen Gott Himmel und Erde geschaffen hat. Sie bilden Seinen geheimnisvollen, heiligen Namen." ( Sohar II, 103 b ) Der Astronom ( und Astrologe ) Johannes Kepler ( 1571-1630 ) war sogar der Meinung, die ( menschliche ) Seele reagiere auf die planetaren Konstellationen wie auf die Konsonanzen und Dissonanzen in der Musik.


"Thanksgiving" von George Winston


Dies heißt jedoch nicht, dass man aus dem Horoskop sein Schicksal ablesen kann. Der Kirchenlehrer Thomas von Aquin schrieb hierzu: "Die Sterne machen geneigt, sie zwingen nicht." Das heißt: Thomas von Aquin wendete sich gegen das fatalistische Missverständnis der Astrologie im allgemeinen und der astrologischen Prognose im besonderen. Am Lauf der Gestirne kann man weder ablesen, was einem widerfahren wird, noch, wie man handeln wird. Und dennoch schrieb Thomas von Aquin: "Der Weise beherrscht seine Sterne, der Unwissende wird von ihnen beherrscht."

Das heißt: Die Stellung der Gestirne steht im Zusammenhang mit menschlichen Wesensmerkmalen ( und, dadurch vermittelt, indirekt auch mit dem Schicksal eines Menschen ): Es gibt demnach einen Zusammenhang zwischen der Stellung der Gestirne im Moment der Geburt und den Charaktereigenschaften dieses Menschen. Das heißt: Astrologie ist von Beginn an in erster Linie eine Menschenkunde. Der Mystiker Thomas Merton ( 1915-1968 ) schrieb deshalb hierzu passend: "Wir leben in einer transparenten Welt, und in jedem Augenblick schimmert das Licht Gottes durch ... überall, in allem."

Abschließend ist hierzu aber auch noch zu erwähnen, dass sich Jesus Christus in der Neuoffenbarung dagegen ausspricht, "dass man aus den Sternen die Schicksale der Menschen herauslesen und bestimmen" ( Gr. Ev. Joh., Bd. 6, kap. 96, V. 3 ) kann und mit der "Sterndeuterei" Geschäfte betreibt. Er sagt hier zum Beispiel, "dass die Bestimmung eines das Jahr regierenden Planeten eine ganz leere und dumme Sache ist" ( Gr. Ev. Joh., Bd. 6, Kap. 96, V. 3 ).

Und im Alten Testament waren Zeichendeuterei und Wahrsagerei dieser Art ( zum Beispiel: Bestimmung des Schicksals aus den Sternen ) streng verboten. Dagegen hatten die Propheten jahrhundertlang gekämpft.

Ausbildung:

Die Schule habe ich im Alter von 18 Jahren mit dem Abitur beendet. Dem folgte ein Studium der Nachrichtentechnik ( TFH Berlin ), das ich mit 28 Jahren als Dipl. Ing. abschloss.

Wendepunkt:

Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann sich in Europa eine Auffassung von Kindheit als eigenständige Lebensphase - gleichsam als eine Gegenwelt zur modernen Industriegesellschaft - zu etablieren. Die Erziehung für Kinder bestand nunmehr darin, archaische Märchen- und Fantasiewelten als Gegenpol zur Realität der Erwachsenen zu schaffen.

Ganz groß geschrieben wurde diese neue Einstellung zur Erziehung, die man als die "Entdeckung des Kindes" nennen darf, dann im bildungsgeschichtlich geprägten 19. Jahrhundert: Reformpädagogen wie Johann Heinrich Pestalozzi ( 1746-1827 ) oder Friedrich Fröbel ( 1782-1852 ) sprachen sich für eine Erziehung aus, die das Kind in den Mittelpunkt stellt und sich in spielerischem Tun und kindgerechter Elementarausbildung ausdrücken soll. Als Folge daraus sickerte in das Bewusstsein der Erwachsenen allmählich die Erkenntnis ein, dass womöglich nicht nur ihre Logik das einzig mögliche Mittel zur Erklärung dieses Universums bietet, sondern dass die Fantasie- und Spielräume der Kinder ebenso ernst zu nehmende Gesetzmäßigkeiten und Weltbilder beherbergen. Der englische Dichter William Shakespeare ( 1564-1616 ) schreibt hierzu in seinem Tragödie "Hamlet":

Es gibt nicht wenige Dinge im Himmel und auf Erden, Horatio, von der deine Philosophie nicht träumen kann.

Vor diesem Hintergrund lässt sich feststellen: Es sagt viel über die Menschen einer Gesellschaft aus, wenn man erfährt, in welchem Verhältnis sie zu ihrer eigenen Kindheit stehen und dieses "Kind" in ihrem Leben zulassen. Ich persönlich zum Beispiel liebte es, mich als Kind in Spielereien zu verlieren: Mein Meerschwein hatte hierbei den russischen Namen "Sonja" erhalten, was in der deutschen Übersetzung "Sophia" ( griechisch: "Weisheit" ) heißt.

Mit großer Begeisterung flüchtete ich in kindliche Welten und war auch dabei sehr an sportlicher Betätigung interessiert. Noch in meiner Jugendzeit trainierte ich bis zu fünfmal in der Woche Sport und spielte unter anderem auch in der Berliner A-Jugend-Stadtauswahl als Feldhockey-Torhüter. Auf Grund meiner guten sportlichen Leistungen wurde ich zum Training der Deutschen A-Jugend-Nationalmannschaft nach Köln eingeladen.


Das Haus der Maria bei Ephesus


Doch gerade am Tag vor meiner Abreise nach Köln traf mich beim Abschlusstraining in Berlin ein Hockeyball genau auf die Fingerkuppe meines kleinen linken Fingers. Als ich am nächsten Tag im Sportzentrum Köln angekommen war, stellte ein Arzt dort fest, dass mein Finger dreifach gebrochen war. Aus diesem Grund konnte ich dann bei meinem ersten Training in der Nationalmannschaft nur bedingt mittrainieren.

Im Nachhinein betrachtet war dieser Unfall wohl mein erster Wendepunkt in meinem Leben. Denn es dämmerte in mir seither die Erkenntnis, dass eine Karriere als Feldhockey-Torhüter für mich nicht in Frage kam. Ich wurde zwar - sobald mein Finger wieder nach einigen Wochen geheilt war - zu einem weiteren Training der Deutschen Nationalmannschaft und zu Testspielen der männlichen Jugend ( U18 ) nach Frankreich eingeladen, doch in mir erwachte ein ganz neues Leben: Das bisherige Leben hatte mich gelehrt, dass ich mein Schicksal selber in der Hand nahm, solange ich nur fleißig trainierte. Doch nun hielt das Leben eine ganz andere Lektion für mich bereit: Ich erkannte durch diesem Sportunfall, der damals für mich zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt kam, einen "göttlichen" Weckruf, der mich dazu bewegte, Fragen zu stellen, die mir so vorher nie in den Sinn gekommen waren, zumindest nicht mit dieser Eindringlichkeit: Wer bin ich? Was für einen Sinn hat mein Leben? Was geschieht mit mir nach dem Tod? Diese und weitere Fragen erweiterten nun mein Bewusstsein und öffneten mir die Tore zu einer neuen ( religiösen ) Realität.

In diesem Sinne spricht auch der Herr in einer Kundgabe durch Gottfried Mayerhofer über die Bedeutung eines solchen - soeben beschriebenen - Wendepunktes im Leben eines jeden Menschen: "Mir liegt nicht nur daran, das Gerettete nicht wieder zu verlieren, sondern vor allem liegt Mir daran, noch mehr verirrte Kinder auf den rechten Weg zurückzuführen. Und so verschmähe ich kein Mittel und keine Gelegenheit, den freien Willen der Menschen zwar nicht beeinträchtigend, einen jeden zu zeigen, was er ist und was er sein sollte." ( Kennzeichen unserer Zeit, "Kultur und Natur", Kundgabe v. 11.11.1873 )

Beruf:

Beruflich bin ich bei einem großen deutschen Telekommunikationsunternehmen im Bereich Internetplanung tätig.

Zusatzausbildung:

Neben meiner beruflichen Ausbildung geht es mir vorrangig um ein bewusst geführtes Leben. Aus diesem Grund ist es mir wichtig, in Verbindung mit der Seele ( und darüber hinaus mit dem göttlichen Geist ) zu treten. Dies bedeutet: Ein bewusst geführtes Leben, dass sich nicht nur einseitig ( sprich: ohne geistigen Hintergrund ) an den "weltlichen" Zielen von Konsum, Erfolg und Vergnügen orientiert.

Erklärend heißt es hierzu bei Emanuel Swedenborg: "Einige sind der Meinung, dass, wer im anderen Leben selig sein will, nie in den Vergnügungen des Leibes und der sinnlichen Dinge leben dürfe, sondern dass er allem entsagen müsse, indem sie sagen, dass dieses Leibliche und Weltliche es sei, was den Menschen abzieht und abhält vom geistigen und himmlischen Leben. Aber die, welche dieser Meinung sind, und deswegen sich, wenn sie in der Welt leben, von freien Stücken in Ungemach verstoßen, sind nicht unterrichtet, wie sich die Sache verhält.

Es ist niemanden verboten, die Vergnügungen des Leibes und der sinnlichen Dinge zu genießen, nämlich die Vergnügungen irdischer Besitzungen und Güter, die Vergnügungen von Ehrenstellen und Ämtern im Staat, die Vergnügungen der ehelichen Liebe, und der Liebe gegen kleine und große Kinder, die Vergnügungen der Freundschaft und der Unterhaltung mit Seinesgleichen, die Vergnügungen des Gehörs oder der Lieblichkeit des Gesangs und der Musik, die Vergnügungen des Sehens oder der Schönheiten, welche mannigfaltig sind, zum Beispiel elegante Kleider, geschmackvolle und schön möblierte Wohnungen, schöne Gärten, und ähnliches, was durch sein Harmonisches angenehm ist, die Vergnügungen des Geruchssinns oder Wohlgerüche, die Vergnügungen des Geschmacks, oder der Süßigkeiten und des Erfrischenden aus Speisen und Getränken, die Vergnügungen des Tastsinns.

Denn sie sind, wie gesagt, die äußersten oder körperlichen Triebe, herkommend von innerlichen Trieben. Die innerlichen Triebe, welche lebendig sind, haben alle ihr Angenehmes aus dem Guten und Wahren, und das Gute und Wahre hat sein Angenehmes von der Liebtätigkeit und dem Glauben, somit vom Herrn, mithin vom eigentlichen Leben, weshalb eben die daher stammenden Triebe und Vergnügungen lebendig sind. Und weil die echten Vergnügungen ihren Ursprung von daher haben, so übertrifft ihr Angenehmes unendlich das Angenehme, das nicht von daher kommt.

Beispiel: Das Vergnügen der unehelichen Liebe. Dieses Vergnügen ist im Vergleich mit jenem ( der ehelichen Liebe ) unrein. Denn wenn das Vergnügen von der wahren ehelichen Liebe stammt, so übertrifft es unendlich das nicht von daher stammende Vergnügen ( des Ehebruchs ) so sehr, dass die, welche in der wahren ehelichen Liebe sind, in himmlischer Wonne und Seligkeit sind. Denn sie kommt vom Himmel hernieder." ( Himmlische Geheimnisse, Nr. 995 )

Die eigentliche Bedeutung eines solch geistig geführten Lebens ( "aus dem Guten und Wahren" ) ist mir persönlich zum ersten Mal nach meinem oben genannten Wendepunkt ( Sportunfall ) bewusst geworden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich - auch wegen meiner Hartgläubigkeit - die eine Religionsstunde pro Woche auf der Grundschule nur als eine hausaufgabenfreie Unterrichtszeit angesehen und deshalb das Fach "Religion" auf dem Gymnasium abgewählt.

Mit der Zeit wurde mir aber mehr und mehr klar, dass sich auch in mir der Wunsch nach einer mich erfüllenden ( göttlichen ) Begegnung regte, nach einem "geistigen" Anruf, um sich loszureißen von dem sinnentleerten Alltag, und um aufzubrechen hin zu dem wahren, primären Gott. Das heißt: Es erwachte in mir die Sehnsucht nach dem religiösen Leben ... Und unter dem Motto: "Wer wagt, gewinnt" war nunmehr mein größtes Verlangen, neue Aspekte des Daseins zu ergründen und zu neuen Grenzen vorzustoßen.

Zu dieser Zeit wurde ich mir also einer inneren Leere bewusst und ich fing an, nach dem Sinn des Lebens zu suchen: Ich ahnte, dass es ein Fortleben der Seele nach dem Tode gibt, und begann mich darüber zu informieren. Dabei wurde mir mehr und mehr klar: Jeder muss einmal sterben ... Und es kommt auf jeden die Frage zu: Was beginnt eigentlich danach? Und so entwickelte sich in mir die Suche nach dem, was das wahre Leben ist, und auch gleichzeitig die Abwendung von dem, was das rein "weltlich" orientierte Leben ist.



Um es in der Sprache der Bibel auszudrücken: Ich, der "verlorene Sohn" ( Lukas 15, 14-16 ), hatte mich in der Schulzeit weit vom "Vaterhaus" entfernt, "all mein Gut verzehrt" und "fing an zu darben". Und so war für mich Das Große Evangelium Johannes ab meinem 21. Lebensjahr die erste religiöse Schrift, die ich in die Hand nahm, um etwas von Gott und dem wahren Leben zu erfahren. Es folgten dann verschiedene Bibelübersetzungen, Schriften von Emanuel Swedenborg und die Bände der Kirchenväter.

Die ersten Zeilen von dem Neuoffenbarungs-Werk Das Große Evangelium Johannes waren demnach quasi die Stunde Null für meine Seele, die seither das "Ziel Jesus" verfolgt. Denn - wie alle anderen auch - lebe ich heute in akuter Zeitarmut und muss in einer Gesellschaft, die auf Leistung und Flexibilität gegründet ist, alles unter einen Hut bekommen: Job, Ehe, Verwandte und eigene Interessen. So empfand ich das bisherige Leben in meinem rein "irdischen Trachten" wie einen Kokon, in dem ich mich wie eine Seidenraupe eingeschlossen fühlte. Mit dem Lesen in dem Werk Das Große Evangelium Johannes war es, als würde ich von einem Zustand in einen anderen Zustand hinübergeführt - vergleichbar der Verpuppung der Raupe und ihre Metamorphose zum Schmetterling. ( Psyche heißt übrigens im Griechischen zugleich "Seele" und "Schmetterling". )

Mit den Schriften der Neuoffenbarung begann für mich ( in meiner Frei-Zeit ) auch eine wissbegierige Beschäftigung mit der Theologie, zu der ich unter anderem auch das Abendstudium der Theologisch-Pädagogischen Akademie des Erzbistums Berlin zähle, das ich drei Jahre lang ( 1993-1996 ) regelmäßig besuchte.


Die Benediktinerinnen in Alexanderdorf


Des weiteren besuchte ich ( über vier Jahre hinweg ) vier Mal den zehntägigen Ikonen-Malkurs bei Schwester Christiane in der Abtei St. Gertrud, die sich in Alexanderdorf bei Berlin befindet.

Freunde:

Wirkliche Freunde hat man, wenn man miteinander beten kann, besonders, wenn Not da ist. Denn schon Cicero wusste: "Den wahren Freund erkennt man in der Not." Und in der Bibel heißt es hierzu ( Sirach 6, 10-15 ): "Mancher ist ein Freund als Tischgenosse. Aber zur Zeit deines Unglücks siehst du ihn nicht. Solange es dir gut geht, ist er wie du und verkehrt vertraut mit deinen Hausgenossen. Kommt aber Unheil über dich, dann wendet er sich ab von dir und lässt sich nicht mehr bei dir sehen. Halte dich fern von deinen Feinden und sei auf der Hut vor deinen Freunden." Darum heißt es auch an anderer Stelle in der Bibel ( Jakobus 1, 5 ): "Wenn jemand nicht weiß, was Gottes Wille in einer ganz bestimmten Sache ist, so bitte er Gott um Weisheit, und sie wird ihm von Gott gegeben werden."

Von daher die Frage: Wie ist die Einstellung gegenüber Menschen anderer christlicher Organisationen, die - wie man selber - auf das ursprüngliche ( unverfälschte ) Wort der Bibel ( das heißt: Eine akzeptierte Übersetzung ) hören, aber die der Neuoffenbarung nicht folgen können? Vielleicht findet man hierzu die Antwort in Lukas 9, 49-50: Eines Tages sagten die Jünger zu Jesus: "Meister, wir sahen jemand Dämonen austreiben in Deinem Namen, und wir wehrten ihm, weil er Dir nicht mit uns nachfolgt." Der Herr antwortete: "Wehrt nicht! Denn wer nicht gegen euch ist, ist für euch." Das heißt: Wahre Gläubige erkennen sich untereinander an und unterstützen einander.

Vorbild:

Mein Vorbild ist Jesus Christus, der die Stimme des himmlischen Vaters vernahm und sie in der Botschaft von Liebe und Vergebung verkündete. Er zeigte Größe, indem Er Seine "Gegner" mit in die Fürbitte nahm, selbst bei den übelsten Verleumdungen schlug Er nicht zurück. Er lehrte die Menschen, an den "Gegnern" das Friedenstiften zu üben und seelisch-geistig zu wachsen: Er betete für sie, damit sie die Wahrheit erkennen lernen und den friedenstiftenden Geist Gottes, die Erlösung, erfahren.

Laut der Neuoffenbarung bestand für Ihn dabei der "allersicherste, allerbeste und kürzeste Weg zum Ziel" ( Die Haushaltung Gottes, Bd. 3, Kap. 105, V. 12 ) darin, dass man "für die Liebe, Erbarmung und Gnade des Herrn alles, selbst das eigene Leben" ( Die Haushaltung Gottes, Bd. 3, Kap. 105, V. 13 ) für eine Zeit der Stille zum himmlischen Vater ( Die Haushaltung Gottes, Bd. 3, Kap. 105, V. 7 ) hintanstellt. ( Hinweis: Das Schweigen in der Stille stellt hier die gemeinsame Sprache aller Menschen dar. ) Dieses Verweilen in der Stille dauert dabei so lange an, bis man "das Wort vom Herrn vernommen" ( Die Haushaltung Gottes, Bd. 3, Kap. 105, V. 2 ) hat. Ein Jünger sagt hierzu: "Ich werde Ihn so recht zu lieben anfangen und will schwärmen vor Ihm wie ein blindverliebter Tor" ( Die Haushaltung Gottes, Bd. 3, Kap. 105, V. 6 ), das heißt: Er hält bei diesem Gebet die Augen geschlossen.




Das gesamte Leben Jesu erforderte den demütigen Gehorsam unter den Willen Gottes, ein Zurückstellen des menschlichen Willens, ein Akzeptieren des göttlichen Willens und ein Handeln danach. Der Begriff "Gehorsam" leitet sich übrigens von dem Wort "Hören" ab: Denn es geht beim "demütigen Gehorsam" um ein "Hören nach innen", dort wo Gott Seinen Willen kundtut. In der Neuoffenbarung heißt es hierzu: "Gehorsam und Demut ist die Nahrung der Seele zur Wiedergeburt des Geistes." ( Himmelsgaben, Bd. 3, Kundgabe v. 15.08.1840, V. 5 )

Lieblingsbuch:

Das Große Evangelium Johannes. Mit diesem Evangelium begann für mich mein
Lebensweg mit Jesus Christus.

Dieses Evangelium der Neuoffenbarung ist wie ein Bergwerk, dass Gott den Lesern der Neuoffenbarung aufgeschlossen hat: Je tiefer man in dieser frohen Botschaft gräbt, desto mehr Schätze kommen hervor. Überhaupt sollte man dieses Werk weniger mit dem Verstand als mehr mit dem Herzen lesen. Denn dann erlebt man beim Lesen Momente des Glücks, in denen man meint, nicht mehr auf dieser Erde zu sein ... ja, es ist, als ob man in diesen Augenblicken die innige Gemeinschaft mit Jesus Christus erlebt ... und wie sehr freut man sich dann, dass man in diesem Reichtum eines Kindes Gottes durch's Leben ziehen darf.

Die Neuoffenbarung leuchtet aber nur den Menschen in dem Maße ein, wie diese selbst bereits aufgebrochen sind und sich auf den Weg des Glaubens befinden: Denn wenn man im Geist lebt und auf den Geist hört, kann man die Erfahrungen der Menschen im Großen Evangelium Johannes auf das eigene Leben beziehen und sich mit ihnen identifizieren. Ein Mensch, der geistlich wach ist, versteht geistliche Sachverhalte. Wenn man allerdings nur ein soziales Spiel namens Religion betreibt oder ein akademisches Spiel namens Theologie, wird einem Das Große Evangelium Johannes niemals wirklich betreffen.



Die Gedanken in der Neuoffenbarung bewegen sich um die Schöpfung und um die Gotteskindschaft. Jeder Mensch trägt hierzu in sich das "Gottesfünklein", durch das er Gott in sich gebären kann. Hierzu heißt es in der Neuoffenbarung: "Wird nun aber gegeben dem Geiste eine gute Kost, welche ist Mein geoffenbarter Wille und die Vermittlung durch die Werke der Erlösung - oder Meine Liebe im Vollbestande durch den lebendigen Glauben, so wird in dem Herzen des Geistes ein neues geistiges Bläschen gestaltet, in welchem ein reiner Funke Meiner Liebe eingeschlossen wird. Und wie es früher ging bei der Zeugung der Seele und aus derselben der des Geistes, ebenso geht es auch mit dieser neuen Zeugung des Heiligtums." ( Himmelsgaben, Bd. 3, Kundgabe v. 17.06.1840, V. 12 ) Wenn also der Geist des Menschen fest an Gottes Willen haftet und mit ganzer Einung des eigenen ( freien ) Willens Ihm verbunden ist, dann wird der Mensch vergottet.

Zur besseren Willensfindung dient die Neuoffenbarung, die unmittelbar dem Wort Gottes entspringt: So tankt man im rastlosen Alltagsbetrieb auf durch die Begegnung mit Jesus Christus in der Neuoffenbarung, der hier die ( geistige ) Nahrung für den inneren Menschen gibt ... Das heißt: Wer dieses Neue Wort liest und Ihm glaubt und vertraut, wird zu einer neuen Lebensauffassung und einem neuen Lebenswandel geführt. Denn dieses Neue Wort verändert in einem das Herz und die Gesinnung ( Hebräer 4, 12 ), weil es erkennen lässt: Gottes Liebe zu den Menschen ... Hierzu heißt es: "Gebet daher gerne und gebet reichlich! Denn wie ihr da austeilet, so wird es euch wieder zurückerteilt werden." ( Das große Evangelium Johannes, Bd. 4, Kap. 79, V. 7 )



Wenn also die Neuoffenbarung das Wort Gottes ist, so gilt es vor allem für die hartherzige Seele, die nur dem Verstande dient und sich dem Gefühl vollkommen verschließt, sich von den rein materiellen Gedanken ( die oftmals aus der Sucht nach irdischen Reichtümern und der Eitelkeit entstehen ) zu befreien und die Seele aufnahmefähig für die Führung durch Gottes Geist zu machen. In diesem Fall wird man das angehäufte Vermögen nicht mehr nur weiter an einem sicheren Ort aufbewahren, sondern es so einsetzen, dass es den Menschen nützt und zum Segen vieler geistig fördernd beiträgt.

Aus diesem Grund liegt die heiligste Bestimmung des Menschen nicht in einem selbstbestimmten, sondern in einem von Gottes Geist berührtem und geführtem Leben, in der direkten Nachfolge Jesu Christi, in der Veredelung und Verschönerung der Schöpfung Gottes ... in dem Zusammenwirken von geistigem Denken und gutem Tun. Denn durch die Reinheit der Gedanken wird Gottes Geist durch die Handlung des Menschen in die Welt getragen, indem zum Beispiel jedes von Gott eingegebne in der Neuoffenbarung niedergeschriebene Wort den Stempel des Seelenadels trägt, was wiederum der Mensch durch die innere Stimme des Gewissens für sich erkennt.

Diese Gewissensstimme entsteht durch göttliche Inspiration und ist somit dem Menschen - sofern er ihr Gehör schenkt - ein Maßstab, durch den er erkennen kann, was recht und was falsch ist. Es heißt: "Erkennt der Mensch in allen Führungen seines Lebens Gottes Hand in seinem Gemüte dankbar an, so nähert er sich auch stets der Liebe und der Ordnung Gottes, geht bald und leicht ganz in dieselbe über und wird dadurch selbst weise und mächtig." ( Das große Evangelium Johannes, Bd. 8, Kap. 140, V. 7 ) Durch das Gewissen werden die Gedanken gebildet, was nach außen hin sichtbar wird durch die Schönheit dessen, was der Mensch aus diesen Gedanken heraus tut: Die Gedanken sind die Ursache für unser Handeln. Sie sind das Tor zwischen dem Sichtbarem und dem Unsichtbarem ... und machen uns zum Mitschöpfer in dieser Welt. Aus diesem Grund sollten meines Erachtens auch in der Kunst die christlichen Themen in verherrlichender Weise und in entsprechend abgehobenen Stil dargestellt werden: Diese Kunst geschehe am besten in der Absicht, die Seele des Menschen für den Geist Gottes zu entzünden. Hierzu spricht der Herr durch Gottfried Mayerhofer: "Benützet die Sprache, um andere zu bilden; benützet die Kunst, um andere zu begeistern; benützet die Musik, um anderen den Weg zum Gefühle und zu Mir zu zeigen!" ( Lebensgeheimnisse, "Sprache, Kunst, Musik" )

Somit ist klar: Erst wenn Jesus Christus durch den Heiligen Geist in einem Wohnung nimmt und man versiegelt ( beziehungsweise: Sein Eigentum ) wird, wird man eingeführt in die ganze Wahrheit: Man nimmt in diesem Augenblick des Gefühls Anteil an der göttlichen Natur ... und es gibt einem dann die Gewissheit des Heils: Man fühlt den Akt der geistigen Wiedergeburt im Gebet mit allen Sinnen ... ja, es ist dieses Gefühlserlebnis, das einem mit Bestimmtheit sagt, dass man schon in diesem Leben durch die Gnade "von oben" erlöst ist.

Auch wenn man beim Lesen im Werk der Neuoffenbarung nicht jeden Tag etwas Außergewöhnliches in seinem Leben bemerkt, so hilft dieses Lesen doch. Denn die stärksten Auswirkungen geschehen oft still und geistig ... und sind von daher schwer zu erkennen. Durch das Lesen bereitet man sein Herz wie einen Acker vor, damit die persönlich gesammelten Erfahrungen des Lebens auf guten Boden fallen und Frucht bringen. Denn Gott will nicht, dass Sein Wort leer zu Ihm zurückkommt, sondern Er will, dass es das tut, was Ihm gefällt, und ausführt, wozu Er es den Menschen gegeben hat. Hierzu heißt es im Johannesevangelium ( 1, 14 ): "Das Wort wurde Fleisch." Und in der Neuoffenbarung heißt es hierzu: "Wenn der Mensch alsogestaltig durch die Wiedergeburt zur wahren Kindschaft Gottes gelangt, in die er von Gott, dem Vater, oder von der Liebe in Gott förmlich eingeboren wird, so gelangt er zur Herrlichkeit des Urlichtes in Gott, das da eigentlich das göttliche Urgrundsein Selbst ist." ( Das Große Evangelium Johannes, Bd. 1, Kap. 3, V. 1 )

Lieblingsvers in der Bibel:

Heutzutage hat sich die Arbeitssituation für viele Menschen grundlegend geändert. Es sind nicht mehr die allein körperlichen, sondern vor allem die geistigen ( sozialen und psychischen ) Anforderungen, von denen man sich nach der Arbeit erholen muss. Es reicht dabei nicht, dass man sich nach der Arbeit auf die Couch legt, sondern man muss sich vor allem geistig erholen, um insgesamt körperlich und geistig fit zu bleiben: Wichtig ist, dass man sich eine Auszeit gönnt und dabei Distanz zum Beruf findet. Nur so gelingt es einem, den beruflichen Anforderungen und dem Stress auf Dauer gewachsen zu sein.

Eigentlich sollten alle Menschen täglich abschalten, zum Beispiel wenn man von der Arbeit heimkommt, wenn die Hausarbeit erledigt ist, wenn also die Freizeit anfängt. Diesen Tagesabschnitt sollte man vom Rest des Tages bewusst abgrenzen ... und nicht weiter über Ärger nachgrübeln, sondern die schlechten Gedanken wegsperren und - falls überhaupt nötig - erst am nächsten Tag wieder zulassen: Man setze sich demnach nach getaner Arbeit, am besten vor dem Schlafengehen nieder, schalte alle anderen Gedanken und Sorgen aus und vertiefe sich in das Innere, in das geistige Leben.

Denn wichtig ist es, dass man ( nach der Arbeit ) eine neue Herausforderung annimmt, um seinen ( geistigen ) Horizont zu erweitern. Andernfalls kann es passieren, dass sich auch nach Feierabend die Gedanken weiter um die Arbeit drehen. Besonders wenn man viel Stress bei der Arbeit hat und deshalb zum Beispiel eine Arbeit nicht fertig bekommen hat, beschäftigt einen diese Aufgabe auch zu Hause gedanklich weiter - auch wenn man es gar nicht möchte. Die Gedanken kreisen um die Arbeit oder um unerledigte Aufgaben und kommen einem immer wieder in den Sinn. Selbst Dinge, die oft nur ganz entfernt etwas mit der Aufgabe zu tun haben, lösen immer wieder Gedanken daran aus und bringen einen wieder dazu, darüber nachzugrübeln. Man hat dann das Gefühl, dass man gar keine Pause bekommt und sich nicht von der Arbeit erholen kann. In der Neuoffenbarung heißt es hierzu: "Der Mensch aber ist also eingerichtet, dass sich im Zustande der Ruhe seine verzehrten Kräfte durch beständiges Einfließen des Herrn aus den Himmeln wieder ersetzen." ( Die Geistige Sonne, Band 2, Kapitel 35, Vers 6 )



Ich selbst bin beruflich intensiv mit technischen Zusammenhängen beschäftigt; da finde ich es wichtig, durch Entspannungsübungen auch mal die andere Gehirnhälfte zu fordern: Denn während bei der Arbeit die linke Gehirnhälfte analysiert, abstrahiert, berechnet, die Zeit plant und misst, alles in Worte fasst und logisch-rationale Entscheidungen fällt ( wissenschaftliche Begabung ), entwickelt sich bei der Entspannung in der rechten Gehirnhälfte das intuitive, kreative, ganzheitliche und emotionale Denken ( künstlerische Begabung ): So stehen also in mir die Gaben der linken Gehirnhälfte, die "Kunst der Trennung" beziehungsweise die "männliche" Dimension der Seele, bestehend aus Logik und Sprache, Klarheit und Schärfe, Denken und Entscheiden, Organisation und Ordnung, den Gaben der rechten Gehirnhälfte, die Kunst der "Vereinigung" beziehungsweise die "weibliche" Dimension der Seele, bestehend aus Kreativität und Intuition, Verstehen und Synthese, Gefühl und Zärtlichkeit, Beziehung und Verbundenheit, gegenüber.

Wichtig ist mir nun, sowohl die "weibliche" als auch die "männliche" Dimension im eigenen Leben zu integrieren. Keine Seite sollte übermäßig dominieren, weil jede von der anderen hervorgebracht und bestätigt wird. Das heißt: Mich interessiert sowohl das Erkennen der Unterschiede als auch das ausgewogene Zusammenspiel beider ... und dies nenne ich: Das geistige Denken ... und aus diesem Grund ist es mir auch so wichtig, wenn mir ein bis zwei Stündlein am Tage übrig bleiben, sie zu nutzen, um ins Gebet zu gehen: Für sieben Viertelstunden verbanne ich dann den Alltag in die Bedeutungslosigkeit und tauche ein in die beruhigende Stille, um mich ganz in die Gegenwart Gottes zu versenken und darin zu verweilen. Das bedeutet: Ich versuche, vom eigenen Ego, dem abgehobenen Ich, loszulassen und leer zu werden für Gottes Fülle. So in etwa widme ich mich dann allein dem Horchen und Warten auf Gott.

Bei dieser Form des Gebets schalte ich jeden Gedanken und jeden Impuls zum Handeln aus: Es gilt, das eigene Ich sich zurückziehen zu lassen und nur auf den Geist Gottes zu hören. Dadurch gelange ich in eine andere Region des Bewusstseins, die hinter ( und über ) meinem Denken liegt und ihrem Charakter nach sich von meinem täglichen Dasein völlig unterscheidet. Es ist eine Art "universales" Bewusstsein, in der ich meine Seele viel größer wahrnehme als im täglichen Leben. Dieses andere Bewusstsein kennt keine räumliche und zeitliche Begrenzung, sondern enthält die Gewissheit des unzerstörbaren, unsterblichen Lebens.

Die heutige Tiefenpsychologie hat hierzu entdeckt, dass nicht das "Unterbewusstsein" das Letzte ist, aus dem die Bilder steigen, sondern dass es ein "Tiefstbewusstsein" gibt, das "göttlich-allwissend" ist. Während das Unterbewusstsein seelisch-körperliche Reservate aus unendlichen Lebensperioden darstellt, handelt es sich beim "Tiefstbewusstsein" um das Reingeistige aus Gott ( und durch das Schweigen in der Stille zieht man Gott an sich heran ).

Im wachen Bewusstsein des Menschen herrscht das rationale, logische Denken vor. Beim intuitiven Denken bewegt sich der Mensch schon im Raum des Unbewussten, in dem zwei Stufen unterschieden werden: Die niedere Ebene des persönlichen Unbewussten und die höhere Ebene des überpersönlichen Unbewussten ( "Tiefstbewusstsein" ). Das eine enthält die ganz subjektive Erfahrungswelt von Leidenschaften, Trieben und Komplexen aller Art; das andere die objektive Welt des "Göttlich-Allwissenden".

Demnach bietet das Gebet eine Orientierungshilfe für jedermann in einer beschleunigten Welt, die geprägt ist von einem Prinzip der Verkopfung: Das Gebet bildet somit den Ausgleich zur Ratio, zu den Anforderungen der Arbeitswelt. Es schafft den Zugang zu den Sinnen, welche vernachlässigt werden.


Sarah Brendel singt "Auge des Sturms"


Die quietistische Mystikerin Madame Guyon ( 1648 - 1717 ) schreibt in diesem Sinne über die geistige Wahrnehmung im Gebet: "Mein Gebet war immer das gleiche; nicht ein Gebet, das in mir wäre, sondern in Gott, sehr einfach, sehr rein und sehr klar. Es ist kein Gebet mehr, sondern ein Zustand, von dem ich wegen seiner großen Reinheit nichts sagen kann. Ich glaube nicht, dass es auf der Welt etwas Einfacheres und Einigeres geben kann. Es ist ein Zustand, von dem man nichts sagen kann, weil er allen Ausdruck übertrifft; ein Zustand, in dem die Kreatur so ganz verloren und versunken ist, dass sie, mag sie auch außen frei sein, innen nichts mehr besitzt. So ist denn auch ihr Glück unwandelbar. Alles ist Gott, und die Seele wird nur noch Gottes gewahr. Sie hat keine Vollkommenheit mehr zu verlangen, hat kein Streben mehr, keinen Zwischenraum, keine Vereinigung: Alles ist in der Einheit vollzogen, aber in einer so freien, so leichten, so natürlichen Weise, dass die Seele in Gott und von Gott lebt, so unbefangen, wie der Körper von der Luft lebt, die er einatmet."

Schon nach kurzer Zeit eines solchen Gebetes überkommt mich das Gefühl vollkommener Ruhe, ein Gefühl ungeheurer Weite und Klarheit, das mein persönliches Leben von Grund auf verwandelt. Denn unser technisches Zeitalter hat unser menschliches Leben auf zwei Dimensionen reduziert und uns ein unnatürliches Leben führen lassen. Dieses Gebet dagegen ist keine Flucht aus diesem Leben, sondern eine Zeit der Erneuerung und der erweiterten Erkenntnis. Der Schriftsteller Gorch Fock ( 1880- 1916 ) schreibt hierzu: "Du kannst dein Leben nicht verlängern, noch verbreitern, nur vertiefen." Wer sich also bei diesem Gebet strebend bemüht, dem wird die Freude der "Neuen Welt" zuteil: Man gewinnt einen Blick in den geistigen Hochzeitssaal, wo Gott selber über einen den Geist des Gebetes ausgießt.

Nach diesem Gebet denke ich an Jeremia 33, 3: "Rufe Mich an, so will Ich dir antworten und will dir kundtun große und unfassbare Dinge, von denen du nichts weißt." Das heißt: Durch das Gebet der Stille ist es jedem Menschen gegeben, sich temporär aus der Welt zurückzuziehen, um gewandelt und gestärkt in die Welt wieder zurückzukehren.

Ein weiteres Gebet der Stille ist die innere Selbstbeschauung: Da jeder Mensch sündigt, hat er auch die Pflicht über seine Sünden nachzudenken und deren Größe zu beschauen und die Schwere abzuwägen. Man prüfe sich gründlich und forsche geistig nach allen Gegenden, wo etwas aufgespeichert liegt, das man tagsüber begangen und sich gegen Gott oder dem Nächsten vergangen hat.

Diese Selbstbeschauung ist sehr heilsam, weil das Gewissen in einem beurteilt, was man Gutes und was man Schlechtes begangen hat ... und dabei Unterstützung erfährt. Der Philosoph Ralph Waldo Emerson ( 1803-1882 ) schreibt hierzu: "Lasst uns schweigen und stille sein, damit wir das Flüstern des Gottes hören können, damit wir den Rat des Inneren Helfers erlauschen und uns von Ihm lichtwärts leiten lassen können."

Hat man diese innere Selbstbeschauung gründlich durchgeführt, so soll man auch die Folgen des Unrechtbegangenen ermessen, denn man soll nicht bloß die momentane Versündigung, sondern auch deren Folgen in Betracht ziehen und erwägen, weil dadurch die Größe der Sünden ersichtlich ist und man eine gebührende Abbitte bei Gott und bei den beteiligten Menschen leisten kann, und weil doch alles durch Reue, Abbitte, Entschädigung und Buße wieder gutgemacht werden muss.

Der Neuplatoniker Plotin ( 203-270 ) schreibt hierzu: "Man kehre sich in sein Inneres und sehe sich nicht mehr um nach dem, was einem vormals als schöne Körperlichkeit erschien ... Man muss die leiblichen Augen schließen und das innere Auge öffnen, das wir zwar alle besitzen, das aber die wenigsten gebrauchen ... Ziehe dich ganz in dich zurück und betrachte dich in deinem wahren Wesen. Und wenn du dich selbst noch nicht als schön erblickst, so mache es wie der Bildhauer: Wie er von der Statue, so meißle du von dir alles Überflüssige, Störende hinweg, glätte bald hier, säubere bald dort, mache das Krumme gerade, erhelle das Dunkle, lass es rein werden, kurz: Lasse nicht nach, an deinem Selbstbildnis zu arbeiten, bis der göttliche Glanz der Tugend dir entgegen strahlt ...

Bist du selbst so geworden, ganz das wahre Licht, durch keine Gestalt in enge Grenzen gezwängt, größer als jedes endliche Maß und erhabener als jede Vielheit, wenn du dich, so geworden, erblickst, dann hast du die innere Sehkraft erlangt: Voll Vertrauen schreite dann weiter vor. Du bedarfst dabei keines äußeren Führers ... Zum Geist emporgekehrt, wird die Seele schön in dem ihr möglichen Grade der Vollkommenheit. Der Geist und was vom Geiste ausgeht, ist die der Seele ursprüngliche und ureigene Schönheit, wobei alles Wesensfremde ausgeschlossen ist. Daher heißt es mit Recht: wenn die Seele gut und schön wird, wird sie Gott ähnlich, weil von Ihm das Schöne und der bessere Teil des Seienden stammt; besser gesagt: das Seiende selbst, welches die Schönheit ist."

Das bedeutet nun wahre Sinnerfüllung des Lebens: Ein Leben weniger aus den körperlichen Sinnen, aber dafür um so mehr aus dem Geiste - aus dem göttlichen Geiste des Schönen und Guten. In dieser Einswerdung mit dem inneren Menschen tritt die Menschlichkeit und Gottverbundenheit als bewusster Mitschöpfer hervor, um für eine Gesellschaft, die in innerer Einheit mit dem Willen Gottes lebt, zu wirken.

Dazu ist es wichtig, die Einsprachen des göttlichen Geistes im Menschen, die sich durch Gedanken und Gefühle äußern, wahrzunehmen. Es gilt also, die Aufmerksamkeit nach innen zu richten, um sich den Anregungen und Hinweisen des Geistes aus Gott zu öffnen und sie unbestreitbar und wahr als von Gott kommend zu erkennen.

Lieblingsmusik:

Zu allen Zeiten gab es eine enge Vernetzung von Musik und Lebenswelt. Wenn sich zum Beispiel der Puls der gesellschaftlichen Veränderung erhöht, so dringt dieses neue Denken auch in die Konzertsäle und Opernhäuser ein. Alles braucht dann auf einmal dringend eine Veränderung, ein anderes Denken, andere Regeln, andere Formen. Und so wird dabei oft übersehen, dass auch alles Neue in der Musik deshalb von den Linken bejubelt wird, weil man dadurch dem Hass auf die materiell "reichen" Konzertbesucher, die politisch "rechts" stehen und sich ( noch ) am "alten" Wohlklang erfreuen, Ausdruck geben kann: Die "alte" Kultur soll sich ( nun ) mit der "neuen" Zeit anpassen. So werden unter anderem auch alte Musikstücke neu instrumentiert - wie zum Beispiel diese drei folgenden Stücke aus der Epoche des Hoch- und Spätbarocks:


Dietrich Buxtehude ( 1637-1707 ): Chaconne in E-Moll, BuxWV 160
( Orchestrierte Neu-Fassung ( 1937 ) von Carlos Chavez Ramírez ( 1899-1978 ) )


Tomaso Albinoni ( 1671-1750 ): Adagio g-Moll
( Orchestrierte Neu-Fassung ( 1958 ) von Remo Giazotto ( 1910-1998 ) )


Tommaso Antonio Vitali ( 1663-1745 ): Chaconne in G-Moll
( Orchestrierte Neu-Fassung ( 1908 ) von Ottorino Respighi ( 1879-1936 ) )


Hinweis: Die in der globalen politischen Welt allgemein üblichen Begriffe von "Rechten" und "Linken" gehen auf die Generalversammlung in Frankreich zurück, in der rechts vom Thron der Adel und der Klerus saßen ( Frage: Was hat eigentlich der Klerus auf dieser Seite zu suchen? ) und links vom Thron die Bauern und 90 Prozent der Bevölkerung. Den "Rechten" geht es normalerweise um die Aufrechterhaltung eines bestimmten Status quo, also um Stabilität, Ruhe und Ordnung.

Dieses Bestreben ist ein legitimes Anliegen, das dem Chaos entgegenwirkt. Die "Linken" werden aus irgendeinem Grund zunächst für schuldig gehalten und müssen ihre Unschuld beweisen; so zumindest im Kopf vieler Menschen. Gleichwohl ist eine gewisse Form für die "Rechten" notwendig, um die Autorität und Kontinuität einer Kultur zu gewährleisten. Irgendeine Form ist aber auch für die "Linken" erforderlich, um Wahrheit und Reform sicherzustellen. Denn meist die kleinen Leute erleiden die Ungerechtigkeiten.

Doch nicht immer war die Reaktion dieser "kleinen" Leute von großer Kultur gekennzeichnet. Hierzu ein Beispiel: Während des Ersten Weltkriegs und der frühen Revolutionsphase in Russland ( 1917 ) gab der russische Pianist und Komponist Sergej Rachmaninow ( 1873-1943 ) Wohltätigkeitskonzerte zugunsten verwundeter Soldaten. Er versuchte, nicht als Bourgeois aufzufallen und zog sich mit seiner Familie auf das vermeintlich unberührte Landgut Iwanowka zurück, wo bereits Gräueltaten an Gutsbesitzern verübt worden waren. Der Mob machte aber auch vor dem Haus des Musikers nicht halt; man warf den Flügel aus dem ersten Stock in den Garten, Bauern erschlugen sogar den Lieblingshund seiner Tochter. Völlig verängstigt flüchteten die Rachmaninows nach Moskau, dann bot die Einladung zu einem Konzert in Stockholm die Möglichkeit, dem Chaos der Revolution zu entkommen.

Passend zu diesem "Kulturverlust" kommt heutzutage noch eine Lebenswelt, in der alles immer schneller gehen muss und der Stress zum guten Ton gehört. Da vergisst man rasch seine eigene politische ( und auch geistige ) Herkunft. Man meint, man sei in dieser Welt ausschließlich auf sich selbst angewiesen, zumal die geistige Welt einem viel zu abstrakt und gewissermaßen zu weit weg erscheint, um sich mit dieser auseinander setzen zu müssen. Man erkennt so nicht mehr, dass sich Gott zum Beispiel durch die Schönheit der Natur, durch die Musik oder durch das Wort der Propheten den Menschen offenbart. Schließlich hat man sich von Gott entfernt.

Und dennoch hören die Menschen heute noch gerne Musik ... und es gibt noch ziemlich viele junge Menschen, denen die Musik offenbar viel beutet. Das heißt: Sie bietet ihnen eine Zuflucht und das Gefühl, mit etwas Größerem sowohl persönlich als auch in einer Gemeinschaft verbunden zu sein: Die Musik als Sprache ermöglicht hier den Menschen ein friedliches und universelles Verständnis füreinander, wie es eigentlich die Menschen in alle anderen Lebensbereiche hineintragen sollten - als Zeichen für den einen Schöpfergedanken, der sie alle durchwirkt.

Doch diese musikalische Sprache - speziell die Sprache der Klassik - verliert mehr und mehr an Bedeutung: Die wenigsten Menschen hören heutzutage noch klassische Musik. Nur etwa fünf Prozent der Einnahmen in der Musikindustrie wurden im Jahr 2016 mit Klassik erzielt. Während also früher die klassische Musik noch einzigartig war, muss sie heutzutage bei den jungen Menschen mit vielen Technologien konkurrieren, mit zum Beispiel Videospielen, Apps und so weiter. Das heißt: Dass klassische Musik jemandem so viel bedeutet, wie es etwa bei den Menschen vor mehr als hundert Jahren der Fall war - das wird es vermutlich nicht mehr geben. Denn sie hat einen Bedeutungsverlust erlitten.

Ähnlich weit weg erscheint einem deshalb auch heutzutage die dreihundert Jahre alte geistliche Musik des frühen 18. Jahrhunderts. Ich denke hier ganz speziell an das im galanten neapoletanischen Stil komponierte "Stabat Mater" von dem italienischen Komponisten Giovanni Battista Pergolesi ( 1710-1736 ), das zum häufigstgedruckten Musikstück des 18. Jahrhunderts wurde. Es klingt für heutige ( weltlich geprägte ) Ohren wie Musik von einer längst vergessenen, anderen Welt.


Giovanni Battista Pergolesi: Stabat Mater ( Dolorosa ), 1736
Es singen: Núria Rial ( Sopran ) und Carlos Mena ( Countertenor )



Das sängerische Virtuosentum spielte im 17. und 18. Jahrhundert vor allem im Zusammenhang mit der neuen Gattung der Oper eine zunehmende zentrale Rolle, wobei das Pendel zwischen zu vermittelndem Inhalt einerseits und bloßer sinnlicher Reizstimulation andererseits im Laufe der Zeit teilweise allzusehr nach der inhaltsleeren Sinnen-Seite auszuschlagen drohte: Ursprünglich war ja die Oper von einem Zirkel italienischer Intellektueller ( "Florentiner Camerata" ) bewusst mit dem Ziel einer Wiederbelebung des antiken Theaters "erfunden" worden. Der solistische Gesang stand hierbei als neues Ausdrucksmittel im Brennpunkt.

Es ging zunächst jedoch keineswegs um besonders spektakuläre musikalische Darbietungen als solche, sondern vielmehr um ein neuartig wahrhaftiges und lebendiges Miteinander von Text und Musik. Virtuosität diente hier nur als eines von vielen Stilmitteln zur Umsetzung der unterschiedlichen Affekte ( Freude, Schmerz, Trauer und so weiter ), die die handelnden Personen mit musikalischen Mitteln dem Publikum nahezubringen hatten, um bei diesem eine möglichst starke innere Anteilnahme am Bühnengeschehen zu erwirken.


Epochen der Musikgeschichte: Barock


In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts entwickelte sich jedoch ein irrwitziger Starkult um eine Reihe von bald international agierenden Kastraten und Primadonnen, die ihr Publikum mit immer abenteuerlichen sängerischen Kunststücken in den Bann zu schlagen vermochten. Opernhandlungen drohten zum bloßen Rahmen für die Auftritte dieser Vokal-Matadoren zu verkommen.


Gregorianischer Gesang ( O-Antiphon ): O Adonai, 7. Jahrhundert

( Die O-Antiphonen beginnen jeweils mit einer dem Alten Testament entnommenen bildhaften Anrede des erwarteten Messias, preisen Sein ersehntes Wirken und münden in den Ruf "Veni!" ( "Komm!" ). Die Bezeichnung der Antiphonen leitet sich von der Anrufung "O" her, mit der jede der Antiphonen beginnt. )


An Hand dieses soeben beschriebenen kleinen Ausschnitts aus der Musikgeschichte kann man schon erkennen, wie im Laufe der Zeit alle erstaunlichen kulturellen Errungenschaften nur unter der gleichzeitigen Verarmung und Abtötung der Geistigkeit der Seele erzielt wurden. Ein weiteres Beispiel hierfür ist auch der deutsche Komponist, Pianist und Dirigent Johannes Brahms ( 1833-1897 ), dem die Inspiration als zentrales Moment der künstlerischen Erfindung tendenziell suspekt war. Durchdrungen von den Idealen protestantischer Arbeitsethik – Sparsamkeit, Ausdauer, Disziplin – strebte er nach einer "dauernden" Musik, die dank der Gründlichkeit ihrer Machart dem Vergleich mit den größten Meistern der Vergangenheit standhalten sollte.

Selbstverständlich nahm auch der "Konstrukteur" Johannes Brahms spontane Einfälle dankbar an. Dabei verstand er diese jedoch allenfalls als Ausgangspunkte des schöpferischen Prozesses: "Das, was man eigentlich Erfindung nennt, also ein wirklicher Gedanke, ist sozusagen höhere Eingebung, Inspiration, das heißt dafür kann ich nichts. Von dem Moment an kann ich dieses "Geschenk" gar nicht genug verachten, ich muss es durch unaufhörliche Arbeit zu meinem rechtmäßigen, wohl erworbenen Eigentum machen."

Wenn also Johannes Brahms dem Flug der Inspiration als zentrales Moment der künstlerischen Erfindung misstraute und sich auf lange Reflexionen beim Komponieren berief, lag für ihn doch der kompositorische Ursprung im Geistigen - wie auch eigentlich jeder gute Komponist weiß, dass seine Kompositionen von der geistigen Welt herstammen.

Demnach kann meines Erachtens ein Komponist die zuhörenden Menschen auch nur so weit musikalisch führen, wie er selbst auf diese geistige Welt zugegangen ist. Das heißt: Was der Komponist selbst nicht von der geistigen Welt empfangen hat, kann er auch in seinen Kompositionen nicht überzeugend an andere weitergeben.

Die Musik gehört aus diesem Grund niemals dem Komponisten allein, sondern ist quasi eine mitgeteilte Offenbarung. Der russische Komponist Peter Iljitsch Tschaikowsky ( 1840-1893 ) schrieb hierzu einmal: "Musik ist Offenbarung ... und gerade darin liegt ihre sieghafte Macht, dass sie uns sonst auf keine Weise erreichbare Schönheitsgebiete erschließt, deren Offenbarung uns nicht flüchtig, sondern nachhaltig mit dem Leben aussöhnt. Sie läutert und erfreut ..."


Crescendo


Die Musik ist demzufolge eine Offenbarung, die eigentlich alle Komponisten zu Plagiatoren macht. Denn sie alle haben ihr Handwerkszeug von jemand anderem gelernt und empfangen ihre Melodien aus der geistigen Welt. Treffend notierte deshalb hierzu 1910 der finnische Komponist Jean Sibelius ( 1865-1957 ), dessen schöpferische Anfänge noch fest im Bann der europäischen Hoch- und Spätromantik standen, während der Arbeit an seiner Vierten Symphonie in seinem Tagebuch: "Eine Symphonie ist ja keine "Composition" in gewöhnlicher Bedeutung. Sie ist vielmehr ein Glaubensbekenntnis."

Sibelius betrachtete sich sich als "ein Gefäß" überzeitlicher Wahrheiten, als ein Medium, das seine Botschaften vor allem aus der Natur bezieht. ( Ähnlich erging es übrigens auch dem Universalgenie Leonardo da Vinci ( 1452-1519 ), der seine Erkenntnisse aus stundenlangen Naturbetrachtungen zog. Er wuchs in der schönen Landschaft der Toskana auf, studierte Flussläufe, Wolkenformationen, das Farbspiel der Pflanzen. Leonardo da Vinci verschmolz mit dem Landschaftsraum, sein Gewahrsein kam dem Zustand von Meditation gleich. )

Vor diesem Hintergrund verglich zum Beispiel einmal Jean Sibelius in einer seiner Naturbetrachtungen die Symphonie mit einem Strom: "Der Fluss entsteht aus zahllosen Zuflüssen, die alle ihren Weg suchen: Die ungezählten Adern, Bäche, Nebenzweige, die den Fluss bilden, bevor er breit und majestätisch dem Meer entgegen flutet. Der Strom des Wassers formt den Fluss: Er gleicht dem Strom der musikalischen Ideen, und das Flussbett, das er bildet, wäre der symphonischen Form gleichzusetzen."

In beinahe pantheistischer Manier identifizierte der finnische Komponist Jean Sibelius seine Musik mit den elementaren Kräften, die er in der unmittelbaren Umgebung erlebte. Das ging so weit, dass er, als er im April 1915 eine Gruppe Schwäne im Flug beobachtete, ihren Ruf mit dem hymnischen Thema identifiziert, das ihm für das Finale seiner Fünften Symphonie längst vorschwebte - es handelt sich um die zwischen den vier Hörnern in parallelen Terzen auf und nieder schwingende Gestalt, die zu Beginn des Satzes erstmals aus dem Tremolo-Sturm der Streicher hervorbricht. "Eines meiner größten Erlebnisse! Herrgott, diese Schönheit!", notierte sich Sibelius. Und: "Dass mir dies geschehen sollte, der ich so lang der Außenseiter war. So habe ich im Heiligsten Zuflucht gefunden."


Jean Sibelius Lemminkäinen-Suite op. 22, 1896
Nr. 2: Der Schwan von Tuonela


Vor diesem Hintergrund ist für mich auch der zweite Satz ( Allegro con moto ) aus der Symphonie Nr. 7 in h-Moll ( "Die Unvollendete" ) von dem österreichischen Komponisten Franz Schubert ( 1797-1828 ) mit Hilfe der bereits oben genannten "göttlichen Inspiration" entstanden ... und dessen Intention war eindeutig, wie er auch in einem Brief an den österreichischen Dichter Franz von Schober ( 1796-1882 ) am 21. September 1824 schrieb: "Ich möchte mit Göthe ausrufen: "Wer bringt nur eine Stunde jener holden Zeit zurück!" ..., jener Zeit, wo einer den anderen begeisterte, und so ein vereintes Streben nach dem Schönsten alle beseelte."

Die damalige Realität konnte dieses "Schönste" nicht bieten. Das metternichsche Zeitalter ( das so genannte Zeitalter der Restauration, das für die deutschen Staaten von 1815 bis 1830 bestand ) definierte sich durch Repression und Depression, Biedermeierlichkeit und Poesieferne. ( Im Inneren stützte sich das Metternichsystem vor allem auf Polizeigewalt. Außenpolitisch berechtigte es die europäischen Großmächte zur, notfalls bewaffneten, Intervention gegen unerwünschte demokratische Bewegungen auch in Nachbarländern. ) Bei den Gebildeten dieser Zeit wurde dieser frappante Mangel an Freiheit durch das Utopische der "holden Kunst" kompensiert.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzogen sich dann die tiefgreifenden Veränderungen in der Gesellschaft. Die bürgerlichen Revolutionen des Jahres 1848 in Frankreich, Deutschland und Österreich hatten neue demokratisch-liberale Gemeinwesen entstehen lassen und die Bemühungen der Monarchie, die vergangenen Zustände wiederherzustellen, waren ab diesem Zeitpunkt zum Scheitern verurteilt. Gleichzeitig schuf die fortschreitende Mechanisierung der Arbeitsprozesse eine neue Zweiklassengesellschaft: Die Industriearbeiter betraten nunmehr die Bühne.

Da die Kunst immer eine Reflexion der jeweiligen Zeitgeschehen darstellt, ist es kein Wunder, dass die Komponisten des 19. Jahrhunderts bestrebt waren, ebenfalls etwas Neues zu schaffen. Und vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund komponierte Franz Schubert in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Symphonie Nr. 7 in h-Moll, was bei seinen Symphonien bisher so nicht eintrat, das Eindringen des persönlichen, des subjektiven Gefühlsausdrucks - und dies in einer Gattung, die in der klassischen Epoche ( zum Beispiel: Wolfgang Amadeus Mozart ( 1756-1791 ), Joseph Haydn ( 1732-1809 ) und so weiter ) vor allem den objektiven Charakter höfischer Gesellschaftsmusik hatte. Vielleicht war Schubert vor dieser Intimität seiner Musik zurückgeschreckt, vielleicht hielt ihn aber auch allein die Erkenntnis ihrer radikalen Neuartigkeit vom Weiterkomponieren ab? Er unterbrach seine Arbeit an der Symphonie Nr. 7 in h-Moll jedenfalls beim Skizzieren des dritten Satzes, eines Scherzos, und nahm sie nie wieder auf. ( Es kommt der Eindruck auf, Schubert habe "Die Unvollendete" auf seinem Weg zu einer eigenen symphonischen Sprache als Sackgasse betrachtet und deshalb verworfen. Aber ist sie deshalb misslungen? Aus heutiger Sicht wohl kaum: Sie ist mit Abstand die populärste Symphonie Schuberts, ja eines der populärsten Werke des klassischen Repertoires überhaupt. )

Schubert, der aus einem streng katholischen Elternhaus stammte, entwickelte den zweiten Satz ( Allegro con moto ) der Symphonie Nr. 7 in h-Moll scheinbar ziellos schwebend, ruhig-friedvoll und durchaus meditativ. Er gehorchte auf diese Weise den Regeln des kontemplativen Gebets ... das heißt: Es handelt sich hier um eine Musik, bei der der Zuhörer - wie Schubert es formuliert - "in eine bess´re Welt entrückt" wird und dessen Geist sich dabei langsam im ewigen Nichts auflöst.

Und dennoch strebt dieser zweite Satz "per aspera ad astra" ( übersetzt: "Durch Mühsal gelangt man zu den Sternen" ) ... aus dem Dunkel zum hellen Licht. Dieses Licht entsteht, da in dieser quasi-religiösen Stimmung plötzlich - wie ein Blitz aus heiterem Himmel - stakkatoartig das Feuer des Heiligen Geistes herabfällt. ( Lukas 11, 13: "... wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die Ihn darum bitten!" ) Und so klingt dieser Teil des zweiten Satzes, als wäre er vom Himmel gefallen, als käme er aus einer anderen Welt: Ja, in diesem Moment erschließt sich einem die Klangsprache des zweiten Satzes der Symphonie Nr. 7 in h-Moll nur noch durch die Mystik.


Und um dies noch besser zu verstehen, wie bei der Entstehung dieser Symphonie Nr. 7 in h-Moll die göttliche Vorsehung mitwirkte, sollte man vielleicht auch wissen, dass der Komponist Franz Schubert sein Werk "Die Unvollendete" 1823 dem Steiermärkischen Musikverein in Graz - und hier wohl ganz besonders dessen zweimaligen Musikdirektor ( in den Jahren: 1825-1829 und 1831-1839 ): Anselm Hüttenbrenner ( 1794-1868 ) - widmete. ( Die göttliche Vorsehung bedeutet - laut der Neuoffenbarung - in diesem Fall, dass der Herr unter Wahrung des jeweiligen persönlichen freien Willens Hand anlegt, obwohl es den Anschein hat, der Mensch gestalte sich selbst. )

Es kann somit wohl kein Zufall sein, dass die Symphonie Nr. 7 in h-Moll dem Steiermärkischen Musikverein ( und damit dem Vorstandsmitglied dieses Vereins, Anselm Hüttenbrenner ) gewidmet wurde. Denn der österreicherische Komponist Anselm Hüttenbrenner war auch später der enge Vertraute von dem Musiker Jakob Lorber ( 1800-1864 ) und der Neuoffenbarung, in welcher dieser ( Anselm Hüttenbrenner ) sogar - für das fleißige Niederschreiben der Neuoffenbarung - in einer Kundgabe vom Herrn den Namen "Wortemsig" ( Himmelsgaben, Bd. 1, Kundgabe v. 18.01.1841, V. 1 ) erhalten hatte.

Auf der Lithographie ( siehe links ) von Josef Teltscher ( 1801-1837 ) aus dem Jahr 1827 sind die drei Freunde ( von links nach rechts ) Johann Baptist Jenger ( 1793-1856, Vorstand der Kanzlei des Steiermärkischen Musikvereins ), Anselm Hüttenbrenner und Franz Schubert gemeinsam abgebildet. Es zeigt die enge Verbundenheit Schuberts mit dem Steiermärkischen Musikverein, welcher 1823 den damals 26-jährigen Schubert zum Ehrenmitglied ernannte. Schubert bedankte sich dafür am 20. September 1823 mit einem Dankschreiben, in dem es heißt: "Um auch in Tönen meinen lebhaften Dank auszudrücken, werde ich mir die Freyheit nehmen, dem löblichen Vereine ehestens eine meiner Sinfonien in Partitur zu überreichen."

Diese hier von Franz Schubert genannte "Sinfonie" ist die Symphonie Nr. 7 in h-Moll, die erstmals im Dezember 1865 in einem Konzert der "Gesellschaft der Musikfreunde" in Wien uraufgeführt wurde. ( Das Manuskript für "Die Unvollendete" befand sich noch so lange im Besitz von Anselm Hüttenbrenner in Graz, weil dieser es über Jahrzehnte zurückgehalten hatte, so dass es bereits als verschollen galt. )

Von Anselm Hüttenbrenner weiß man übrigens heute auch, dass Franz Schubert ein bemerkenswert ausdauernder Fleißarbeiter war. Aus seinem Freundeskreis ist überliefert, dass er gewöhnlich Stunden um Stunden am Schreibpult saß und komponierte, laut Anselm Hüttenbrenner von sechs Uhr morgens ohne Pause bis mittags um eins.


Franz Schubert
( Aquarell von Wilhelm August Rieder, 1825 )


Franz Schubert und Anselm Hüttenbrenner lernten sich beim gemeinsamen Kompositionsstudium von 1812 bis 1816 bei Antonio Salieri ( 1750-1825 ) in Wien kennen. Seither bestand zwischen beiden ein freundschaftliches Verhältnis, dass sich sogar darin ausdrückte, dass sie gemeinsam den deutschen Komponisten Ludwig van Beethoven ( 1770-1827 ) acht Tage vor dessen Tod an seinem Krankenlager in Wien besuchten.

Zufällig war Anselm Hüttenbrenner auch am 26. März 1827 zugegen, als Beethoven starb. Außer ihm stand zuletzt nur die Haushälterin Sali an Beethovens Sterbebett.

Anselm Hüttenbrenner schrieb hierzu: "In den letzten Lebensaugenblicken Beethovens war - ausser der Frau von Beethoven und mir – niemand im Sterbezimmer anwesend. Nachdem Beethoven von 3 Uhr Nachmittag an, da ich zu ihm kam, bis nach 5 Uhr röchelnd im Todeskampfe bewusstlos dagelegen war, fuhr ein von einem heftigen Donnerschlage begleiteten Blitz hernieder und erleuchtete grell das Sterbezimmer ( vor Beethovens Wohnhause lag Schnee )."


Epochen der Musikgeschichte: Die Wiener Klassik


Zu Beethovens pompöser Beerdigung am 29. März 1827 kamen etwa 20.000 Leute - ein Drittel der Wiener Bevölkerung. Der deutsch-österreichische Hofschauspieler Heinrich Johann Immanuel Anschütz ( 1785-1865 ) hielt die vom österreichischen Schriftsteller Franz Grillparzer ( 1791-1872 ) verfasste Grabrede und Franz Schubert war einer der 36 Fackelträger.

Schon ein Jahr nach Beethovens Tod - am 19. November 1828 gegen drei Uhr nachmittags - stirbt auch Franz Schubert, der ein großer Bewunderer von Beethoven war. ( Er wird deshalb auf dem Währinger Friedhof in Wien in unmittelbarer Nähe zu Ludwig van Beethovens Grab bestattet. ) Für Beethoven war "die Musik eine höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie". Er, der die Musik der Wiener Klassik zu ihrer höchsten Entwicklung geführt und der Romantik den Weg bereitet hatte, sagte einmal: "Die Musik gibt Ahnung, Inspiration himmlischer Wissenschaften, und was der Geist sinnlich von ihr empfindet, das ist die Verkörperung geistiger Erkenntnis." Die Musik war demnach für Beethoven eine Brücke zur höheren Welt.

Dies ist für mich auch das gemeinsame Band zwischen dem oben genannten zweiten Satz der Symphonie Nr. 7 in h-Moll und der Neuoffenbarung: Ich bin fest davon überzeugt, dass beide Werke die Welt in eine ( religiöse ) Erneuerung führen können. Denn dieser zweite Satz befreit und "beflügelt" die Seele - wie auch die Musik - nach der Neuoffenbarung - die Aufgabe hat, den Menschen innerlich neu zu gestalten, "das Herz zu sänftigen und zu veredeln, um aus einem rauhen Menschen in der rechten Liebe einen gemütvollen zu erziehen" ( Von der Hölle bis zum Himmel - Die jenseitige Führung des Robert Blum, Bd. 1, Kap. 58, V. 5 ) Hierzu passend schrieb einst der deutsche Komponist Carl Philipp Emanuel Bach ( 1714-1788 ), der zweitälteste und berühmteste Sohn vom "Zentralgestirn der europäischen Musik", Johann Sebastian Bach ( 1685-1750 ): "Mich deucht, die Musik müsse vornehmlich das Herz rühren."


Johann Sebastian Bach: Et incarnatus est, 1749/50


Und treffend schrieb auch der englische Dichter William Shakespeare in seiner Komödie "Der Kaufmann von Venedig":

Der Mensch, der nicht Musik im Herzen trägt,
den Einklang süßer Laute nicht bewegt,
ist fähig zu Verrat, zu List und Raub.

Die Musik hat also große Auswirkung auf die Befindlichkeit des Menschen. Studien zu den Auswirkungen von Musik auf den menschlichen Geist hatten sogar erwiesen, dass nach dem Hören angenehmer Musik die kognitive Leistungsfähigkeit kurzfristig erhöht ist. Damit ist meines Erachtens erwiesen, dass das Gehirn sich unter dem intensiven Einfluss von Musik eindeutig umorganisiert.


Klassische Musik fördert das Denk- und Konzentrationsvermögen


Zur Erhöhung der kognitiven Leistungsfähigkeit muss es allerdings nicht immer eine bestimmte Musikrichtung sein. Denn die Musik wird von den Menschen subjektiv wahrgenommen ... und so entwickelte sich auch im 18. Jahrhundert der Musikgeschmack vom Barock zur Wiener Klassik: Während Johann Sebastian Bach und seinen Zeitgenossen die Tonkunst noch als Abbild der göttlichen Schöpfung und der vollkommenen kosmischen Harmonie galt, als Spiegel einer durchaus unpersönlichen oder, besser gesagt, überpersönlichen geistigen Ordnung, konnte sein Sohn Carl Philipp Emanuel, der zu seinen Lebzeiten berühmter als sein Vater war, sich in stundenlange Improvisationen am Klavier verlieren, gewissermaßen Séancen, in denen er tagträumerisch seinen Gefühlsregungen nachforschte. Denn wie kaum ein Zweiter war Carl Philipp Emanuel Bach ein Kind des Empfindsamen Zeitalters und des musikalischen Sturm und Drang - eine Zeit, in der Johann Wolfgang von Goethe ( 1749-1832 ) seinen Werther sagen lässt: "Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt!" Aus dieser Welt der "Ichheit" heraus entwickelte sich dann später die Romantik.


Epochen der Musikgeschichte: Die Romantik


Während in der Epoche des Barocks, die ihren musikalisch krönenden Abschluss in Johann Sebastian Bach fand, die Einzelteile noch zu einem größeren Ganzen vereinigt wurden, laufen nach dem Barock die musikalischen Bestrebungen über die Klassik zur Romantik, die nunmehr völlige Subjektivität, Individualisierung, Freiheit und Unabhängigkeit fordert.

Das heißt: Die Idee des barocken Musizierens war noch die Vermischung und Abwechselung der konzertierenden Instrumente, die Leidenschaften der konkurrierenden Akteure, Widerrede und Zwiegesang, aber auch Zustimmung bis zur Einstimmigkeit: Ein lebhaftes Mit- und Gegeneinander. So wie im klassischen Latein concertare "wettstreiten" und kirchensprachlich "zusammenwirken" bedeutet, bezog sich das Substantiv "Concerto" im Barock auf das Zusammenspiel im und das Sichabheben einzelner Solisten vom Ensemble.


Johann Sebastian Bach: BWV 1060 ( 1. Satz ), 1717-23


Für Franz Schubert war die Musik weder Abbild der Welt noch Fenster zur Innenschau. Stattdessen bot sie, die "holde Kunst", für ihn als romantischen Künstler einen Ort der Zuflucht, war das ersehnte und erträumte Gegenbild zu "einer miserablen Wirklichkeit, die ich mir durch meine Phantasie ( Gott sey’s gedankt! ) soviel als möglich zu verschönern suche". Die Musik mit ihren "Zaubertönen" sei es, notierte Schubert, die "uns in den Finsternissen dieses Lebens eine lichte, helle, schöne Ferne" zeigt.

Ebenso schreibt übrigens auch der französische Komponist Gabriel Fauré ( 1845-1924 ) am 31. August 1908 an seinen Sohn Philippe: "Die Kunst, und vor allem die Musik, hat für mich vor allem die Aufgabe, uns so weit wie möglich über die Wirklichkeit hinauszuheben." ... Und so ist es dann auch beim Hören des zweiten Satzes der Symphonie Nr. 7 in h-Moll, als ob man für einen Augenblick das Bewusstsein für Raum und Zeit verliert und gleichzeitig ( in Melodie und Klangfarbe ) die Sprache des Evangeliums der Liebe ( in Schönheit und Abgeklärtheit ) vernimmt. Diese Symphonie öffnet die Wahrnehmung für etwas, was dem Sprechen und Nachdenken verschlossen bleibt. Wie kaum eine andere Symphonie dient sie als Eintrittskarte in eine Welt jenseits von Zeit und Raum.


Franz Schubert: Wonne der Wehmut, 1815


Zwar hatten musikalische Klänge in der Frühgeschichte der Menschheit auch eine wichtige soziale und kommunikative Funktion. Doch vor allem war die Musik ein Medium ritueller, kultisch-religiöser Lebensgestaltung – was unter anderem Knochenflötenfunde im Umfeld von Höhlenmalereien in Spanien und Südwestfrankreich aus der Zeit des Cro-Magnon-Menschen belegen. Neben ihrem beschwörenden Einsatz bei Jagd-Ritualen war Musik wichtiges Medium bei der Kontaktaufnahme mit Göttern und Ahnen – ähnlich wie es heute noch für manche traditionellen Stammeskulturen typisch ist.

Erst in einem späten Stadium der Hochkulturen löste sich die Musik als Kunstmusik von ihrem kultisch-religiösen Charakter, spaltete sich in so genannte sakrale und profane Musik und verzweigte sich seitdem in eine Vielzahl von Verortungen. Die Befunde der letzten Jahrtausende legen den Schluss einer wesensmäßigen Verwandtschaft von Musik und Religiosität nahe. In diesem Sinn ist Musik immer göttliche Musik, ähnlich wie sie in unserem Kulturkreis zur Zeit der Antike und im Mittelalter verstanden wurde: Als Musik der Sphären.


Franz Schubert: An die Freude, 1815


Die Eingebundenheit des Menschen in eine kosmische Ordnung war den Komponisten und Musikern des Mittelalters noch selbstverständlich. Musik wurde als Abbild der göttlichen Schöpfungsordnung verstanden und diente dem Lob Gottes und seiner Schöpfung. Dieser Überzeugung lag der Glaube zugrunde, dass die Welt "stimmt", dass alles in ihr mit allem übereinstimmt und erst das dissonante Verhalten der Menschen den harmonischen Einklang verstimmt.

Die europäische Kunstmusik entsprang den Klöstern, den liturgischen Gesängen lateinischer Texte – zuerst einstimmig in den gregorianischen Gesängen, später mehrstimmig und über unterschiedlichen Zeitebenen miteinander verknüpft. Erst sehr spät wurde das gesungene Wort durch instrumentale Musik ergänzt und später abgelöst. Der "Bezirk des Heiligen" wie ihn der französische Schriftsteller und Philosoph George Bataille ( 1897-1962 ) beschrieb, wurde aus dem liturgischen Kirchenraum in den bürgerlichen Konzertraum transportiert, um in diesem Rahmen in der überzeitlichen Musik Mozarts, Beethovens und anderer Komponisten wieder aufzuerstehen – eine neue Form von Himmelfahrt, wobei Johann Sebastian Bach als Mittler zwischen Kirche und Konzertsaal wirkte.


Franz Schubert: Ave Maria, 1825


Bach, Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms: Ihnen allen gelang über musikalische Klänge der Brückenschlag zwischen dem Augenblick der Gegenwart und einer transzendenten überzeitlichen Wirklichkeit.

Der Zugang zu einem solchen Erleben von Musik ist vielen Menschen besonders im westlichen Kulturraum fremd geworden. Besonders im Laufe des letzten Jahrhunderts zersetzte sich das Vertrauen in die Stimmigkeit der Welt und wich einer skeptischen Haltung und dem Gefühl von Sinnlosigkeit. Die säkularisierte Menschheit hat sich musikalisch erkältet und von diesem Katarrh bis heute nicht richtig erholt.

Der vordergründig entzauberten Welt entspricht ein gebrochenes Musikerleben, das sich den Zugang zur spirituellen Dimension der Musik erst wieder neu erschließen muss. Jeder wird sich selbst beantworten müssen, ob er Schuberts Werk "Die Unvollendete" als vernichtenden Sturz ins Nichts erlebt oder als hoffnungsvolle Tür zur Ewigkeit. Doch gerade im Angesicht von Brüchigkeit und Paradoxie menschlicher Existenz scheint im momenthaften Erleben von Musik die Erfahrung einer geglückten Existenz möglich - und sei es nur für einen Augenblick.


Franz Schubert: Symphonie Nr. 7 in h-Moll, 1826
( Englischsprachiges Video mit deutschen Untertitel )


Lexikalisch bedeutet Transzendenz einen Bereich, der die sinnlich fassbare raumzeitliche Welt überschreitet. Der Trompeter und Komponist Markus Stockhausen - Sohn des bedeutenden Komponisten Karlheinz Stockhausen ( 1928-2007 ) - beschreibt, was er unter Transzendenz versteht: "Zeuge sein des Überweltlichen in der Welt. Das heißt auf den Begriff Transzendenz bezogen: Wir bauen eine Brücke, wir bauen eine Brücke zum Jenseitigen, zu dem Nichtbenennbaren, aus dem wir uns speisen. Und Transzendenz wäre für mich das, was hinüberführt, was uns diesen anderen Bereich zugänglich macht. Und da kann Musik vielleicht sogar besser als die anderen Künste eine Brücke bauen, weil sie nicht so sehr an das Mentale appelliert, sondern den gesamten Menschen erfasst und öffnen kann."

Viele der Epoche prägenden Musiker des westlichen Kulturraums verstanden sich mehr als Medium für transzendente Klänge denn als eigenständige Produzenten. So sagte zum Beispiel Johann Sebastian Bach: "Ich spiele nicht wirklich die Musik. Ich bin nur ein Instrument, auf dem Gott spielt." Und der österreichische Komponist Gustav Mahler ( 1860-1911 ) schrieb: "Ich sage Dir, mir ist bei manchen Stellen manchmal etwas unheimlich zumute. Es kommt mir vor, als ob ich das gar nicht gemacht hätte."

Das Erlebnis einer überirdischen Ergriffenheit durch musikalische Klänge ist also nicht willentlich herstellbar und ( leider ) auch nicht jedem Menschen in gleicher Weise zugänglich. Aber wenn Musiker, Konzertbesucher oder Mitglieder von Laienchören über die Wirkung des Klangs auf ihr Innerstes sprechen, benutzen sie oft ein bestimmtes Bild: Die Kraft der Musik, den Zustand der Seele zu verändern, sie quasi wie ein Instrument zu stimmen.


Richard Wagner: Tristan und Isolde ( Vorspiel ), 1865


Mit dem Tode Ludwig van Beethovens ( 1827 ) und Franz Schuberts ( 1828 ) - den beiden Begründern der romantischen Musik im deutschsprachigen Raum - endete das musikalische Zeitalter der Frühromantik und es entwickelte sich die Musik der Hoch- und Spätromantik, zu der sich der Herr 1873 in einer Kundgabe durch Gottfried Mayerhofer über die Musik des deutschen Komponisten Richard Wagner ( 1813-1883 ) äußerte: "Die Menschen, wie sie größtenteils sind, sind materiell, trivial und geistlos geworden. Ihre Erfindungen, Bestrebungen haben zumeist nur niedrige, sinnliche, materielle Zwecke zum Grunde, und ebendeswegen, da die jetzigen Musiker eben ihrem Zeitalter gemäß leben und dichten, so wird auch ihre Musik dieser Richtung genau anpassend sein. Denn nur solche geistigen Produkte können sich bei der allgemeinen Geistesstimmung erhalten, die mit dem Geschmacke des jetzigen Menschengeschlechtes harmonieren.

Ist nun die Menschheit verdorben, sinnlich und materiell geworden, so kann auch die Musik, die ihnen gefällt, ebenfalls nicht anders sein. Denn wäre sie nicht so, so würde sie nach erster Anhörung der Vergessenheit anheimfallen, wie zum Beispiel Musikkompositionen heute nicht mehr ansprechen, welche einst in tiefer Begeisterung und im Aufblick zu Mir gedichtet wurden.

Die Menschheit also, so wie sie ist und noch werden wird, verdient keine andere Musik, als eine Ohren zerreißende, als Folge von Disharmonien; birgt ja ihr eigenes Herz auch kein anderes Produkt mehr, als ein Konglomerat von Widersprüchen, materiellen Ansichten und verdorbenen Bedürfnissen. So passen eure schlechten, neuesten Musikdichtungen ganz zu dem Geschmacke der jetzt lebenden Welt, und charakterisieren sie. Denn nur solchen Menschen kann solches Produkt Beifall abgewinnen.

Hier hast du diese Antwort ..., damit auch Meine Kinder erfahren mögen, was Ich von den Ausgeburten verdorbener Geister denke, die viel dazu beitragen, sich selbst und die Menschheit von dem Wege abzulenken, auf welchem Ich sie zum besseren Verständnis Meines Ichs, Meiner Schöpfung und Meiner ihr geschenkten Gaben bringen möchte.


Richard Wagner: Parsifal ( Vorspiel ), 1879


Wenn der Unfug aber auf den höchsten Gipfel getrieben sein wird, dann wird die Zukunft wohl noch eine andere Musik auftischen, die zwar Meine Kinder nicht, wohl aber alle frechen Gottesleugner unangenehm berühren wird. Bis dorthin nur Geduld; wer es erlebt, der wird seinen himmlischen Vater auch in den größten Misstönen als Vater der Liebe und des Friedens erkennen, und die anderen werden mit Schauder gewahr werden, wie weit sie alle vom Schönen, Erhabenen entfernt, bis ins Triviale, Gemeine herabgesunken sind, wo nur der schlechteste Geschmack an solchen Geistesergießungen noch Freude haben konnte." ( Kennzeichen unserer Zeit, "Über die Zukunfts-Musik", Kundgabe v. 30.10.1873 )

Hinweis: Der Begriff Musik der Zukunft war seit circa 1830 allgemein in Mode gekommen, als vor allem Frédéric Chopin ( 1810-1849 ), Franz Liszt ( 1811-1886 ) und Hector Berlioz ( 1803-1869 ) als "Zukunftsmusiker" galten, die die "Neue Musik" beziehungsweise die Musik der Zukunft einleiteten.

Der Begriff "Zukunftsmusik" wurde dann im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts zu einer Spottbezeichnung für die Musik Richard Wagners, an dessen Vorspiel zum Ersten Akt aus dem Musikdrama "Tristan und Isolde" - so heißt es oft - die gesamte moderne Musik hänge. ( Richard Wagner selbst hatte 1860 eine Broschüre mit dem Titel "Zukunftsmusik" geschrieben, in der er unter anderem auch den Begriff der "Unendlichen Melodie" prägte. ) Die Kunst Richard Wagners ist wahrlich nichts für vernünftige Menschen. Denn es ist eine Kunst, die den Blick in den Abgrund sucht und den eigenen Untergang zelebriert - tief und tragisch, dämmerig und düster.

Passend zu dieser allgemeinen Diskussion äußerte sich 1896 Johannes Brahms, dem die Musik der Zukunft in Form einer Programmmusik ( die Sinfonische Dichtung à la Franz List oder das Musikdrama à la Richard Wagner ) tendenziell suspekt war, am Ende seines Lebens, indem er ratlos und zutiefst pessimistisch feststellte: "Ich weiß wirklich nicht, wohin noch die Musik kommt. Mir scheint, sie hört ganz auf!"


Johannes Brahms: Ungarischer Tanz Nr. 1, 1858


Sowohl Johannes Brahms als auch Franz List und Richard Wagner hatten Ludwig van Beethoven sehr verehrt. ( Richard Wagner verstand das Musikdrama sogar als Konsequenz aus dem Shakespeareschen Theater und der Beethovenschen Symphonie. Und Johannes Brahms schrieb in einem Brief an den Dirigenten Hermann Levi ( 1839-1900 ) über die Entstehung seiner ersten Symphonie, die im Jahr 1876 uraufgeführt wurde: "Du hast keinen Begriff davon, wie es unsereinem zu Mute ist, wenn er immer so einen Riesen hinter sich marschieren hört." Doch trotz all dieser Ehrfurcht vor der Leistung Beethovens entstand mit dieser ersten Symphonie ein von vielen bewundertes Werk, das zum Beispiel nach Einschätzung des Dirigenten Hans von Bülow ( 1830-1894 ) für Beethovens "Zehnte Symphonie" gehalten wurde. Und so läutete diese Symphonie als Eroica ihrer Epoche das wohl letzte heroische Zeitalter dieser Gattung ein, das eine Generation danach mit Mahlers Spätwerk endete. )

Während demnach Johannes Brahms als Bewahrer der Tradition und legitimer Nachfolger Ludwig van Beethovens galt, galten die anderen beiden als die so genannten "Neutöner". Das heißt: Während Johannes Brahms die Autonomisierung der Musik fortsetzte und besonderen Ehrgeiz auf die Komposition von Orchesterwerken verwendete, erklärte zum Beispiel Richard Wagner die Wiedervereinigung von Musik und Literatur zu seiner Aufgabe.


Johannes Brahms: Symphonie Nr. 1 ( Un poco sostenuto - Allegro ), 1876


Nach Richard Wagners Auffassung lässt sich Beethovens Ideenmusik nichts Bedeutendes hinzufügen, sofern man das Gehäuse der traditionell viersätzigen Symphonie und die Form des Sonatensatzes mit Exposition, Durchführung und Reprise beibehält: Dann nämlich wird jeder noch so neue Inhalt von der altmodischen Verpackung verschluckt. Für Johannes Brahms sollte dagegen nur die reine, absolute - also nicht mit irgendeinem außermusikalischen Programm behängte - Musik im Vordergrund stehen. ( Im 20. Jahrhundert schuf 1927 der russische Komponist Igor Strawinsky ( 1882-1971 ), einer der bedeutendsten Vertreter der Neuen Musik, mit seinem Opern-Oratorium "Oedipus Rex" - laut eigener Aussage - "die eindeutige Absage an die Form des Musikdramas" und "die Aufnahme eines rein gesanglichen Opernstils, in dem die Handlung, Dramatik und optische Bewegung völlig zurückgedrängt sind zugunsten einer rein musikalischen Formgebung". Demnach sollte sich für Igor Strawinsky rein aus der Musik die innere Bewegung ergeben. )

Alle drei ( Franz List, Richard Wagner und Johannes Brahms ) verband die "Sehnsucht nach einem neuen, frischen Ton" ( Johannes Brahms ) ... und in diesem Sinne wurde auch Johannes Brahms 1949 von Arnold Schönberg ( 1874-1951 ) in seinem Buch "Style and Idea" nachgesagt, dass er ein Vortrupp der Avantgarde war, der seine Stücke aus kleinsten motivischen Zellen aufbaute und so zur Auflösung der Tonalität beitrug. Johannes Brahms späte Werke kennzeichnete demnach ein neues kompositorisches Verfahren: Seine Klavierstücke gerieten mit höherem Alter immer dichter und "versponnener" im doppelten Wortsinn: Sie nahmen improvisatorische Züge an, tendierten zur Auflösung der Form, doch geriet zugleich das Gewebe der Töne immer feinstufiger, bis alles wie in einem Netz dicht miteinander verwoben war.

Der österreichische Komponist Wolfgang Amadeus Mozart, der Ahnherr aller musikalischen Klassizisten, wusste dagegen noch genau, wo für ihn die Grenzen der Kunst verliefen. Seiner eigenen Forderung, dass die "Musick, auch in der schaudervollsten Lage, das Ohr niemalen beleidigen, sondern dabey doch vergnügen muss, folglich allzeit Musick bleiben muss", hat er wie kein Zweiter entsprochen. Vor diesem Hintergrund heißt es im elften Band des "Großen Evangelium Johannes" - kundgegeben durch Leopold Engel ( 1858-1931 ): "Ihr sehet also, dass in dem Sich-Erfreuen an der Schönheit und dem Streben der Künstler nach dem Schönen nichts Unrechtes liegt, sondern dass das Empfinden für alles, was schön ist, auch ein Gradmesser sein kann für die Entwicklung der Seele." ( Gr. Ev. Joh., Bd. 11, Kap. 25 ) Und demnach ist - gemäß der Neuoffenbarung - das Kunstverständnis auch "ein Maßstab für den geistigen Fortschritt der Völker, insofern dadurch ihr geistiges Auffassungsvermögen bekundet wird." ( Gr. Ev. Joh., Bd. 11, Kap. 26 )


Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert Nr. 23 ( Adagio ), 1786


Was kann dies also nur für eine Musik der Zukunft sein, von der die Neuoffenbarung in der Kundgabe durch Gottfried Mayerhofer im Jahr 1873 spricht und die "alle frechen Gottesleugner unangenehm berühren wird"? Es wird - gemäß der Neuoffenbarung - eine Musik sein, bei der die Menschen gewahr werden, "wie weit sie sich alle von dem Schönen und Erhabenen entfernt" haben.

Meiner Meinung nach könnte die musikalische Richtung vor der oben vorhergesagten Musik der Zukunft, wo der "Unfug auf den höchsten Gipfel getrieben sein wird", die so genannte "Zweite Wiener Schule" sein, die seit 1904 als solche betrachtet den Kreis der Wiener Komponisten mit Arnold Schönberg und seinen Schülern Anton Webern ( 1883-145 ) und Alban Berg ( 1885-1935 ) als Zentrum beinhaltet. Musik brauchte hier nicht mehr schön zu sein, denn jede Spur von Romantisierung war verschwunden.

Hintergrund: Über Jahrhunderte hinweg waren die Ohren der Hörer daran gewöhnt, bestimmte Folgen von Akkorden in ihrem Verlauf als organisch, zielgerichtet und damit in ihrem Spannungsverlauf nachvollziehbar zu erleben. Epochemachende Formprinzipien wie etwa die Sonatenhauptsatzform oder das Concerto beruhen auf oder rechnen mit solchen vertrauten Verläufen. Werden Letztere bis zur Unkenntlichkeit verschleiert oder fallen ganz aus, nimmt das Publikum zunächst nur noch Chaos war.

Dies war also die Zeit am Beginn des 20. Jahrhunderts: Es drängte zahlreiche Kunstschaffende nach neuen, teils radikalen Ausdrucksformen, die widerspiegeln, was sensible Menschen damals bewegte ... und es kündigte sich der Zusammenbruch der Alten Welt an, denn es brodelte und gärte auf allen Ebenen. Der erste Weltkrieg ( 1914-1918 ), die russische Revolution ( 1917 ), der Untergang der Habsburgermonarchie ( 1918 ) bestätigten bald die Weltuntergangs-Gesinnten.


Johannes Brahms: Symphonie Nr. 3 ( Poco allegretto ), 1883


Analog dazu gab es auch im Kulturellen schockierende Ereignisse und radikale Brüche: In Wien arbeitete Arnold Schönberg mit seinem Schülerkreis an der Auflösung sämtlicher traditionell-vertrauter musikalischer Parameter ( Harmonie, Melodik, Rhythmik ) und strebte auf diese Weise nach einer radikalen Erneuerung der musikalischen Sprache. Schauplatz der kompositorischen Revolution war zunächst der Bereich der Kammermusik: So vollzogen Arnold Schönberg und seine Schüler die Abkehr von der harmonischen Tonalität und die "Emanzipation der Dissonanz" in kleinbesetzten Gattungen.

Im Medium des Streichquartetts, der Klaviermusik und des Lieds durchbrach Arnold Schönberg – wie er selbst formulierte – "alle Schranken einer vergangenen Ästhetik" und entwickelte gemeinsam mit Anton Webern und Alban Berg eine Kompositionsweise, die unter dem Begriff "Freie Atonalität" bekannt geworden ist. Der Motor für die rastlose Suche nach dem "neuen Klang" war nicht nur die Überzeugung, dass die traditionellen Kunstmittel nicht mehr in der Lage seien, eine neue Gefühlswelt adäquat auszudrücken, sondern auch die Vorstellung, dass mit jedem Werk etwas Innovatives erreicht werden müsse.

Diese "Zweite Wiener Schule" - der Name entstand in Analogie zur "Ersten Wiener Schule" ( gemeint ist hiermit die "Wiener Klassik" von circa 1780–1827 ) mit Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven - war somit eine musikalische Weiterentwicklung der Epoche der Spätromantik, zu der auch der tiefreligiöse Anton Bruckner ( 1824-1896 ) mit seiner verinnerlichten Musik zählte.


Anton Bruckner: Symphonie Nr. 7 ( Adagio ), 1883


Anton Bruckner ( und seine Musik ) wurde wohl geprägt von seiner Jugend im Stift St. Florian, mit seiner barocken Architektur und seiner Basilika, seinen prächtigen Sälen, Gängen und Stiegen. Auf diese Weise sind auch seine Sinfonien sehr weiträumig, sehr flächig. Seine Themen haben Zeit und Raum, sich zu entwickeln.

Dies spürt man vor allem in seinem noch heute beliebtesten Werk: Die Symphonie Nr. 7 in E-Dur - und hier speziell: Der zweite Satz. ( Hinweis: Anton Bruckner hatte Beethoven bewundert, Bach, Schubert und später auch Wagner. Mit der Komposition des zweiten Satzes ( Adagio ), eines der tiefgründigsten Sätze des 19. Jahrhunderts, begann Bruckner, als er bereits den Tod des über alle Maßen verehrten Wagner vorausahnte. )

Der wichtigste musikalische Schritt hin zur "Zweiten Wiener Schule" wurde im Bereich der Harmonik vollzogen, nämlich die Tonalität schrittweise aufzugeben – hin zur freien Atonalität und schließlich zur Zwölftontechnik. Die Tendenz, immer komplexere Akkordbildungen zu verwenden, führte bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts in harmonische Bereiche, die sich mit der zu Grunde liegenden Dur-Moll-Tonalität nicht mehr eindeutig erklären ließen – ein Prozess, der schon bei Richard Wagner und Franz Liszt seinen Anfang nahm.


Johannes Brahms: Symphonie Nr. 4 ( Allegro non troppo ), 1885


Hieraus nun zog Arnold Schönberg mit seinen Schülern Alban Berg und Anton Webern die planvollste Konsequenz, die in der Formulierung ( 1924 ) der Methode der "Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen" ( Zwölftontechnik ) gipfelte. Diese atonalen Kompositionsregeln stellten den Komponisten ein Handwerkszeug zur Verfügung, das die Prinzipien der Tonalität zu vermeiden half.

Konträr zu dieser Entwicklung hin zur Zwölftontechnik verlief die Wiederentdeckung der etwa über achthundert Jahre alten Musik der Hildegard von Bingen ( 1098-1179 ). ( Hinweis: Hildegard von Bingen wurde schließlich im Jahr 2012 von der katholischen Kirche heiliggesprochen und im Anschluss daran - nach Teresa von Avila ( 1515-1582 ) und Katharina von Siena ( 1347-1380 ) - als dritte Frau in den Stand der "Kirchenlehrerin" erhoben. )

Die Musik hatte für Hildegard von Bingen eine ganz besondere Bedeutung: Als Spiegel der himmlischen Harmonie brachte die Musik die Menschen Gott nahe. Dabei zeigte sie sich in ihren Gesängen gleichermaßen als Dichterin, die ein hartes, ekstatisches Latein, fern jeglicher rhetorischer Verbindlichkeit wie aller gebräuchlichen Hymnik schreibt. Es ist eine Sprache der Visionen, Über die sie mit dem befreundeten Abt Wibert von Gembloux korrespondierte: "Die Worte in dieser Schau klingen nicht wie die aus Menschenmund, sondern sie sind wie eine blitzende Flamme und wie eine im reinen Äther sich bewegende Wolke."


Hildegard von Bingen: Canticles Of Ecstasy, 12. Jahrhundert



In einem Brief an die Mainzer Prälaten, die 1178 über dem Kloster Rupertsberg das Interdikt ausgesprochen hatten, kann man erfahren, welche bedeutende Rolle die Musik für Hildegard im Gesamtzusammenhang ihrer Theologie besaß: Vor dem Sündenfall sei es dem Menschen möglich gewesen, am Gotteslob der Engel teilzunehmen. Erst die Propheten erhielten wieder etwas von dem damals verlorenen Wissen zurück. Durch die Gesänge und den Klang der Instrumente sollten die Menschen belehrt und zu einem gottgefälligen Leben ermuntert werden. Seitdem habe Luzifer alles daran gesetzt, das gesungene Gotteslob zu verhindern. Er sei über die wiedergewonnene Fähigkeit der Menschen zu singen höchst beunruhigt gewesen, denn der Gesang entstamme dem Heiligen Geist und sei der Widerhall himmlischer Harmonie.

Demnach ist das Richtige identisch mit Harmonie und das Falsche mit Disharmonie. Harmonie ist das natürliche Herz der Liebe, der Musik und des Friedens, denn sie ist Gleichgewicht. Disharmonie ist dagegen gleichbedeutend mit Dissonanz, Unfrieden und Missklang in der Natur, wie auch im Leben der Menschen.

Das heißt: In der oben genannten Zeit vor der vorhergesagten Musik der Zukunft, wo der "Unfug auf den höchsten Gipfel getrieben sein wird", besteht - laut der Neuoffenbarung - nicht nur eine Disharmonie zwischen den Tönen, sondern oft auch eine "Disharmonie zwischen der Handlung und der Musik". ( Himmelsgaben, Bd. 2, Kundgabe v. 06.06.1844 ) Und dies wiederum bedeutet: Wenn zum Beispiel die Melodien der Moderne teilweise himmlisch klingen, so ist doch deren Kern - also das, was mit dieser Musik zum Ausdruck gebracht werden soll - oft nur für "niedrige, sinnliche und materielle Zwecke" gedacht.


Gabriel Fauré: Pavane ( Op. 50 ), 1887


Hier noch einige Worte zur musikalischen Entwicklung hin zur letzten Zeit vor der Musik der Zukunft: Mit dem Beginn der Spätromantik wurden die traditionellen Formen und Elemente der Musik allmählich aufgelöst. Eine immer farbigere Orchesterpalette, ein immer größeres Aufgebot an musikalischen Mitteln, das Ausreizen der Tonalität bis an ihre Grenzen, übersteigerte Emotionen und eine zunehmend individuellere Tonsprache des einzelnen Komponisten waren typische Kennzeichen; die Musik wurde an die Schwelle der Moderne ( gemeint die Zeit von etwa 1910 bis zum Zweiten Weltkrieg ) geführt, die als weithin frei von Sinnlichkeit gilt, da deren Komponisten eher technisch ( zum Beispiel: Zwölftontechnik ), stilistisch und am Klang orientiert sind. Sie sehen ihren Auftrag darin, die Musik kontinuierlich zu erneuern, ihre Grenzen der Tonalität immer weiter auszuschreiten, und provozieren unter anderem mit neuen Rhythmen und Klängen.


Gustav Mahler: Symphonie Nr. 5 ( Adagietto ), 1904


Der bereits oben erwähnte Richard Wagner, der schon 1851 in Oper und Musikdrama das Ende der Epoche der Symphonie verkündete, schrieb hierzu 1852 an den ungarischen Komponisten Franz Liszt: "Kinder! macht Neues! Neues! Und abermals Neues!" Spätere Generationen sollten dieses Wort als Fluch empfinden. Neues und immer Neues zu schaffen: War das auf Dauer überhaupt zu leisten?

Es war dann Franz Liszt, der späte Liszt, der mit seinen letzten Klavierwerken aus den 1880er-Jahren die neue Epoche der Moderne einläutete. In diesen abgründigen Miniaturen, die er "Die Trauergondel", "Graue Wolken" oder "Unstern!" nannte, nimmt Liszt Abschied von allem, was der Romantik lieb und teuer war: Geradezu skelettiert wirkt das Klangbild, das auf das Notwendigste reduziert wird und jedem virtuosen Prunk abschwört; Melodien sind allenfalls fragmentarisch zu erkennen, keine Kantilene, nirgends.

Ähnlich wie Franz List markiert dann Gustav Mahler mit dem ersten Satz seiner 9. Symphonie, die der deutsche Musiktheoretiker Theodor W. Adorno ( 1903-1969 ) das "erste der neuen Musik" nannte, zugleich das Ende einer Gattung und den Aufbruch in die ( noch ungewisse ) Moderne. Seine eminente Wirkung auf die Zeitgenossen sind belegt durch ( zum Beispiel ) jene Zeilen Alban Bergs, die dieser im Herbst 1912 an seine Frau Helene schrieb: "Ich habe wieder einmal die IX. Mahler-Symphonie durchgespielt. Der erste Satz ist das Allerherrlichste, was Mahler geschrieben hat. Es ist der Ausdruck einer unerhörten Liebe zu dieser Erde, die Sehnsucht, in Frieden auf ihr zu leben, sie, die Natur, noch auszugenießen bis in ihre tiefsten Tiefen – bevor der Tod kommt." Mahlers Neunte prägte somit den Gegensatz von Unheilvollem und Wunderbarem.


Gustav Mahler: 1. Satz der Neunten Symphonie, 1910


Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die als "radikal" empfundenen Neuorientierung als Avantgarde bezeichnet: Der 1935 in Estland geborene Arvo Pärt - einer der bedeutendsten noch lebenden Komponisten der Neuen Musik - sagte diesbezüglich über seine musikalischen Absichten: "Ich könnte meine Musik mit weißem Licht vergleichen, in dem alle Farben enthalten sind. Nur ein Prisma kann diese Farben voneinander trennen und sichtbar machen. Dieses Prisma könnte der Geist des Zuhörers sein." Und der griechische Philosoph Platon ( 428-348 v. Chr. ) soll in diesem Zusammenhang einmal von sich gegeben haben: "Einfachheit in der Musik macht die Seele vernünftig." Ich finde, dieser Satz beschreibt sehr schön den Geist der Musik Pärts.

Klanglich erinnern Pärts Werke zum Teil an Mönchsgesänge und gregorianische Choräle. Sie entwickeln sich nicht aus liedhaften Melodien, sondern aus miteinander verwobenen Tönen und Klängen. Dadurch klingt Pärts Musik klar und transparent und wirkt asketisch, meditativ und mystisch.


Te Deum von Arvo Pärt, 1992


Um von der ( romantischen ) Entäußerung zur Verinnerlichung zu gelangen, wurde in der Musik der Moderne ( also in der Zeit von etwa 1910 bis 1933 ) die Harmonik bis über die Grenzen der Tonalität hinausgetrieben und durch Dissonanzen geschärft. Ostinate Figuren sorgten fortan für eine zuweilen peinigende Monotonie ... und spätestens hier stellte sich dem Musikliebhaber die Frage: Hört bei diesem gravierenden ästhetischen Umbruch die Musik nicht selbst ganz auf?

Bei dieser Musik der Moderne ( und später der Avantgarde ) und deren Abkehr von den Idealen des romantischen Komponierens ( und deren Wohlklangs ) stellt sich für mich die Frage: Ist diese Musik, die mit den traditionellen Hörgewohnheiten nicht mehr erfassbar ist, vergleichbar mit der im Jahr 1873 angekündigten Musik, in der die Kinder Gottes den "himmlischen Vater auch in den größten Misstönen als den Vater der Liebe und des Friedens erkennen" werden. ( Wenn ja, dann wäre die Musik der Moderne ( und später der Avantgarde ) eine weitere erfüllte Prophezeiung der Neuoffenbarung für das 20. und frühe 21. Jahrhundert. )


Arnold Schönberg: Verklärte Nacht ( Op. 4 ), 1899


Doch zurück zum zweiten Satz der Symphonie Nr. 7 in h-Moll ( "Die Unvollendete" ): Dieser kündet - wie die bevorstehende Musik der Zukunft - von einer anderen Welt, einer überirdischen Sphäre von ewiger Schönheit und seliger Abgeklärtheit. Nach den eher schwermütigen Melodien im ersten Satz kann man ihn sogar als eine Erlösung empfinden. Denn dieser zweite Satz ist anmutig und ein Ausdruck von erhabener Schönheit, die sich wohltuend in der Welt auswirken wird - wobei natürlich der vollkommenste Ausdruck einer harmonischen Empfindung das mystische Erlebnis der Vereinigung mit Gott selbst ist.

Die wahre Kunst ist gemäß dieser Musikauffassung keine kühle Distanziertheit, ( wie das bei der Musik der Moderne ( und später der Avantgarde ) im 20. und frühen 21. Jahrhundert der Fall ist, weil sie bewusst mit den Traditionen des 19. Jahrhunderts bricht und auf eine vollkommen antiromantische Musiksprache setzt, ) sondern eine wärmende Sehnsucht zu Gott, die man über das Gefühl wahrnimmt - wie es auch der Herr in einer weiteren Kundgabe über Gottfried Mayerhofer ausspricht: "Der Mensch muss aufhören mit dem Verstande zu denken, und zuerst mit dem Herzen fühlen lernen. Das geistige Feuer der reinen Liebe muss zuerst seine ganze Seele erwärmt haben, dann erst kann die Weisheit als regelnder Trieb der Liebe, dieser Schranken setzen." ( Weihnachten, "Weihnachtspredigt", Kundgabe v. 11.12.1871 ) Treffend beschreibt dies auch die blinde und taubstumme Helen Keller ( 1880-1968 ) in folgendem Zitat: "Die besten und schönsten Dinge auf dieser Welt kann man weder sehen noch hören. Man muss sie mit dem Herzen wahrnehmen."

Folgendes Klavierstück ( für Pianoforte ) wurde nach dem Tod von Franz Schubert
von seinem Lebensfreund Anselm Hüttenbrenner 1828 komponiert und dient:
"Dem Andenken des zu früh verblichenen Franz Schubert."
( Franz Schubert verstarb mit nur 31 Jahren. )


Titel: "Nachruf an Schubert in Trauertönen"
Komponist: Anselm Hüttenbrenner
Pianist: Cyprien Katsaris


Bei der Totenfeier zur Ehrung Franz Schuberts am 23. Dezember 1828 in der Augustiner-Hofkirche wurde das doppelchörige Requiem in c-Moll von Anselm Hüttenbrenner aufgeführt, das zuvor unter anderem schon bei ähnlichen Feiern für Antonio Salieri und Ludwig van Beethoven gegeben worden war.


Laut der Neuoffenbarung ist "die Musik ... ein durch Tonmittel ... verkörpertes Darstellen des inneren harmonischen Gefühles". ( Die Geistige Sonne, Bd. 2, Kap. 5, V. 16 ) Die Wahrheit kommt hier mit wenigen Worten - allein über das Gefühl - aus: So regt zum Beispiel ein "Himmelskonzert" zum seligen Austausch der Gefühle an, wo "ein seliger Bruder ( Konzertbesucher ) die Seligkeit seines Bruders ( Komponist ) aufnimmt und dieselbe mit der Seligkeit der anderen ( Konzertbesucher ) harmonisch verbindet." ( Die Geistige Sonne, Bd. 2, Kap. 5, V. 21 )

Wie beim französischen Komponisten Claude Debussy ( 1862-1918 ) will diese Musik dann nicht mehr schildern, sondern beschwören, will nicht die sichtbare Wirklichkeit nachahmen, sondern ihr Unsichtbares erfassen ... und so eine Musik kann dann nur noch mit dem himmlischen Zustand verglichen werden: "Bei solchen Gelegenheiten, wo der Herr einzieht, wird das selige Gefühl auf das Höchste getrieben, und diese höchste Stufe des allerseligsten Gefühles spricht sich wie die allerherrlichste Musik aus." ( Die Geistige Sonne, Bd. 2, Kap. 5, V. 23 )


Claude Debussy: Suite bergamasque, 3. Clair de Lune ( Mondschein ), 1890


Eine solche Musik strebt nach dem Schönen, Wahren und Guten ... und richtet sich gegen eine Weltauffassung, die sich nur nach dem Profit hin ausrichtet. Eine solche Musik entstammt noch einer Gesinnung, die in der Natur das Werk Gottes und nicht den zu besiegenden Gegner beziehungsweise den auszubeutenden Steinbruch sieht. Für sie besteht die Welt nicht nur aus einzelnen atomaren Teilchen, sondern in ihr ist der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen, als Krönung der Schöpfung und mithin als jemand, dem die Welt "anvertraut" ist.

Dem gegenüber steht aber in der Zeit der Moderne die Auffassung, dass der Mensch nichts weiter ist als ein zufälliges Ergebnis der Evolution - sozusagen ein höheres Tier. Und für diesen modernen Menschen wurde nunmehr eine rein "mechanische" ( maschinengleiche ) Musik geschaffen, die systematisch eine "nach-Innen-gerichtete" ( gefühlsorientierte ) Musik des ( geistigen ) Herzens verdrängt.

Durch diese alleinige Ausrichtung der Musik auf die äußerlichen ( körperlichen ) Sinne verbaut sich der moderne Mensch die Berührung mit den höheren Seinsstufen in der ( geistigen ) Welt. Das heißt: Diese Musik, oft nur für "niedrige, sinnliche und materielle Zwecke" gedacht, ist allein diesseits orientiert. Sie basiert auf einer Weltauffassung, die nur die äußeren ( sichtbaren und wissenschaftlich messbaren ) Unterschiede zwischen den verschiedenen bestehenden Dingen erkennt. Die ( unsichtbaren ) Bewusstseinsunterschiede, die diesen Dingen innewohnen und auf die Existenz einer Seinsstufe oberhalb der des Menschen hindeuten, werden durch diese Musik bewusst verdrängt.


Zeitgemäße Kirchen-Musik?


Diese moderne Musik neigt dazu, alles anzuzweifeln, was nach dem "Höheren" und "Geistigen" verlangt. Diese systematische Verflachung und Vernachlässigung der Musik führt aber unvermeidlich dazu, dass die Welt von den Menschen als weniger sinnvoll, weniger spirituell, weniger reich und weniger interessant erscheint, als sie tatsächlich ist, während zugleich das Gegenteil gilt: Der Gebrauch einer Veredelten und verfeinerten Musik würde dazu führen, neue Bedeutungen, neue Reichtümer und neue Interessen bei den Menschen zu wecken - Aspekte einer höheren Welt, die dem Menschen zuvor nicht zugänglich waren.

Andernfalls kann diese Musik, bei der "der Unfug auf den höchsten Gipfel getrieben sein wird", durchaus den Zusammenbruch der westlichen Zivilisation bewirken. Denn in ihrem Kern lässt sie kaum Raum für einen höheren Glauben ... und eine Zivilisation ohne einen Glauben an Sinn und Werte - mit anderen Worten: ohne einen religiösen Glauben - kann nicht überleben.

Um diese Zivilisation zu retten, bedarf es einer Erneuerung von innen heraus, einer Musik der Zukunft, die aus dem Schlechten wieder etwas Gutes macht. Denn erst wenn die Menschen erkennen, dass sie tatsächlich ( durch ihren Drang nach Bequemlichkeit und Vergnügen ) in höllische Regionen hinabgestiegen sind, wo ihnen nichts erwartet als der kalte Tod der Gesellschaft und die Vernichtung aller zivilisierten Beziehungen, können die Menschen den Mut und die Vorstellungskraft aufbringen, die für eine "Umkehr" erforderlich sind.


Epochen der Musikgeschichte: Die Moderne


Passend hierzu ist vielleicht das extrem nüchterne und technisch ausgefallene Werk "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta" von dem ungarischen Komponisten Béla Bartók ( 1881-1945 ), das zu den unbestrittenen Meisterwerken der Musik des 20. Jahrhunderts gehört und sich als musikalisches Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts etabliert hat: Nach dessen Entstehungsjahr 1936 entstand eine Fülle an wissenschaftlicher Literatur zur Analyse und Interpretation dieses Werkes.

Zum Beispiel: Die Stilanalyse von dem ungarischen Musikwissenschaftler Ernö Lendvai ( 1925-1993 ) aus dem Jahr 1955. Seine Analyse beschäftigt sich mit der Harmonik und den formalen Aspekten, vor allem unter dem Blickwinkel des "Goldenen Schnitts" und der "Fibonacci-Reihe", die zur Annäherung an den "Goldenen Schnitt" verwendet wird und jeweils aus der Addition mit dem letzten Glied entsteht ( also: 1, 2 ( = 1 + 1 ), 3 ( = 1 + 2 ), 5 ( = 2 + 3 ), 8 ( = 3 + 5 ), 13 ( = 5 + 8 ), 21 ( = 8 + 13 ) und so weiter ).

Wie bei dem zeitlebens an neuen Klangkombinationen interessierten Komponisten Béla Bartók nicht anders zu erwarten, ist dieses Orchesterwerk keine leichte Kost: Man findet in diesem Werk ( sicherlich ) keine Zugeständnisse an irgendeine intendierte Breitenwirkung. Dennoch hat es aber auch seine unmittelbar ansprechenden Stellen, am stärksten vielleicht in den faszinierenden Klangsphären des dritten Satzes. Dieser Satz ist ein stimmungsvolles Adagio, jedoch ohne irgendwelche romantischen Übertreibungen und Ausuferungen, wie sie Béla Bartók gar nicht mochte.


Béla Bartók: Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta,
3. Satz ( Adagio ), 1936


Die oben genannte ( noch bevorstehende ) wunderbare Musik der Zukunft soll die Menschen wieder dazu führen, dass sie die Welt in einem neuen Licht sehen, nämlich als einen Ort, an dem die Dinge, über die der moderne Mensch ständig redet und die zu tun ihm stets misslingen, tatsächlich getan werden können.

Vor diesem Hintergrund bezeichnet sich der bekannteste amerikanische Avantgarde-Komponist John Cage ( 1912-1992 ) selbst nicht als Komponisten, sondern als einen Hörenden, der seine Antennen auf die Klänge der Welt ausgerichtet hat. Er hört diesen Klängen der Welt zu und fragt sich, was sie ihm zu sagen haben und entdeckt dabei, welche musikalische Schönheit in diesen Klängen liegt.

Für John Cage gibt es demnach eine Welt, die man nur hörend wahrnehmen kann. Bestes Beispiel hierfür ist sein Musikstück 4'33", in dem während der gesamten Spieldauer des Stückes kein einziger Ton gespielt wird. 4'33" wurde so zu einem Schlüsselwerk der Neuen Musik und regte Zuhörer wie Komponisten zum Nachdenken über Musik und Stille an. ( So gesehen ist John Cage ein moderner Komponist, der dem Publikum eine Neue Welt eröffnet und gleichzeitig dabei die Alte Welt wieder in Erinnerung ruft. )


John Cage: 4'33", 1952


Die ( noch bevorstehende ) Musik der Zukunft, die den Menschen zwischen Himmel und Erde schweben lässt, wird durch ihren inneren Wert darauf hinweisen, dass die Seinskette ( angefangen vom Mineralreich über die Pflanzen- und Tierwelt bis hin zum Menschen ) nach oben, über den Menschen hinaus, weitergeht. Das heißt: Der Mensch wird durch die Musik der Zukunft angeregt, mit seinem Geist eifrig und geduldig zum Höchsten zu streben, hin zu Seinsstufen oberhalb seiner eigenen: Nur dort gibt es für ihn "Gutsein", denn diese Musik der Zukunft ist in ihrem Ursprung die innerste Sprache der Himmel, der seligsten Reinen. Sie wird von einem Komponisten stammen, "der mit seinen aus den Himmeln entlehnten Tönen die Gemüter der Zuhörer so überaus fröhlich stimmt und ihren Seelen ein anderes, höheres, vollkommeneres Leben verkündet." ( Geistige Sonne, Bd. 2, Kap. 49, V. 13 )

Diese Musik der Zukunft ist dann fast so, wie der lettische Komponist Eriks Esenvalds ( geboren 1977 ) seine Musik beschreibt: "Für mich hat die Harmonie die zentrale Bedeutung – wie sie fortschreitet und in einen neuen Klang übergeht."


Eriks Esenvalds: O Salutaris Hostia, 2009


In der Neuoffenbarung heißt es hierzu: "Aber horch, horch - ich höre ja wie ferne Harmonien. Ich höre Gesang, wunderherrlichsten Gesang! Das tönt wie Orgeltöne und wie Stimmen reinster Sängerkehlen! Ach, das ist wunderherrlich, das ist rein himmlisch! O du reinste Musik, du göttliche Musik, du erfreust nicht nur auf Erden das Gemüt der Seele, - auch im Himmel bist du eine große Labung der seligsten Geister! Stets kräftige Akkorde wechseln in erhabenen Tönen! Ach, das ist übermajestätisch! Dieser kräftige Bass, dieser wohlklingende Diskant und nur diese reinste Stimmung! O Herr, diese Musik ist herrlicher noch als alle sonstigen Herrlichkeiten dieser Himmelswelt! Ja, ja, diese Musik belebt mich ganz durch und durch." ( Bischof Martin, Kap. 170, V. 14-15 )

Im Anspruch, das vollkommene ( musikalische ) Werk zu schaffen, das die Menschen auf das allertiefste ergreift, heißt es dann an anderer Stelle: "O Gott! Ist das doch eine ergreifende Musik, dass man dabei ganz zerfließen könnte! Jeder Ton dringt entzückend zum Herzen." ( Von der Hölle bis zum Himmel - Die jenseitige Führung des Robert Blum, Bd. 2, Kap. 291, V. 14 ) Weil diese Musik ihren Ursprung im Geistigen hat, spricht sie auch besonders das Geistige im Menschen an ... und je nach Reinheitsgrad dieser Musik wird die Seele im Menschen emporgehoben oder niedergezogen. Denn da die Musik ungehindert einfließen kann ( ohne vom Verstand vorher erfasst zu werden, weil sich dieser kein Bild von ihr machen kann ), ist es wichtig, genau auf die Musik zu achten, die man hört, und diese sorgfältig auszuwählen, damit die Seele dadurch gestärkt und zum Göttlichen emporgezogen und nicht durch weltliche, disharmonische Töne niedergezogen wird.

Über die geistige Wirkung einer solch reinen Musik auf die menschliche Seele spricht auch hierzu abschließend der Erzengel Raphael in der Neuoffenbarung: "Gut, so will ich dir denn nur einen Ton singen, und es sollen ihn alle hören, die hier sind, und die auch in ziemlicher Ferne von hier wohnen, auf dass sie forschen sollen, welch einen Klang sie vernommen haben! Aber ich selbst muss mich dazu einige Augenblicke lang vorbereiten! Mache dich nur gefasst darauf; denn auch der eine Ton wird für dich von einer ungeheuren Wirkung sein! Nach einer Weile sagte Raphael: "Nun horchet und passet wohl auf!" Daraufhin vernahmen alle wie aus weiter Ferne einen zwar sehr schwachen, aber so unbeschreibbar reinsten Ton, dass sie alle in eine Entzückung gerieten ...


Julio Verner: House of Angels, 2012
( Das "Ave Maria" von Caccini in "Slow Motion": 800 Prozent verlangsamt abgespielt. )


Der Ton aber ward nach und nach stärker, lebensvoller und mächtiger. In der größten Kraft wie von tausend Posaunen ausgehend, klang er wie ein Quartsextakkord in Des-Moll, von der kleinen in die eingestrichene Oktave mit der Wiederholung der Oktave reichend, nahm darauf wieder ab und verlor sich am Ende wieder in ein schwächstes As ( eingestrichen ) von nie vernommener Reinheit. Alle waren von diesem einen Tone so entzückt, dass sie in eine Art Betäubung ihres Sinnenlebens übergingen und sich in einer gewissen Ohnmacht befanden. Der Engel musste sie erst alle wieder auf Meinen Wink beleben. Alle erwachten darauf wie aus einem seligsten Traume, und Zinka, voll Enthusiasmus, stürzte auf den Raphael zu, umarmte ihn mit aller Gewalt und sagte: "Junge! Du bist kein Sterblicher! Du bist entweder ein Gott oder ein Engel! Ja, mit dieser Stimme musst du ja auch die Toten erwecken und alle Steine beleben können! Nein, nein, nein! So einen überhimmlischen Klang hat wohl noch niemals irgendein Sterblicher auf der ganzen Erde vernommen! ...

Oh, ich bin ganz weg! Noch zittern alle meine Lebensfibern von der unbeschreiblichen Schönheit und Reinheit dieses Eintons! Mir kam es nicht einmal vor, als hättest du den unerhört reinsten Ton aus deiner Kehle entwickelt, sondern so kam es mir vor, als hätten sich alle Himmel aufgetan und eine Harmonie aus dem Munde Gottes wäre über die tote Erde ausgegossen worden!" ( Gr. Ev. Joh., Bd. 4, Kap. 21-22, V. 21 und 5-10 )

Und an anderer Stelle heißt es in der Neuoffenbarung: : "Darauf verneigte sich der Sänger und Harfner tief vor uns, stimmte seine Harfe rein und verwunderte sich selbst, sagend: "Wahrlich, das ist ein guter Saal für Musik und Gesang; denn so himmlisch hell und rein habe ich noch niemals die Saiten meiner Harfe ertönen hören!"

Sagte Ich ( Jesus Christus ): "Nun, wenn also, da magst du dich nun schon zu produzieren anfangen!"

Darauf griff der Harfner mit kunstgeübten Fingern in die Saiten und ließ ein ergreifendes Vorspiel ertönen. Als die Fremden die höchst reinen Töne und kunstvollen Tonweisen vernahmen, da wurden sie stille und hörten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit dem Künstler zu. Bei vollster Stille im ganzen Saale begann der Künstler unter gar herrlich klingender Begleitung mit einer wunderreinen und auch höchst wohlklingenden Stimme folgenden Psalm Davids zu singen ( Psalm 96 ):

"Singet dem Herrn ein neues Lied; singe dem Herrn alle Welt! Singet dem Herrn, und lobet Seinen Namen! Prediget einen Tag um den andern Sein Heil! Erzählet den Heiden Seine Ehre, unter allen Völkern Seine Wunder; denn der Herr ist hoch und groß zu loben, wunderbarlich über alle Götter! Denn alle Götter der Völker sind tote Götzen; nur der Herr hat den Himmel gemacht. Es stehet herrlich und prächtig vor Ihm und gehet gewaltiglich und löblich in Seinem Heiligtume. Ihr Völker, bringet her dem Herrn, bringet her dem Herrn Ehre und Macht! Bringet her dem Herrn die Ehre Seinem Namen, bringet Geschenke, und kommet in Seine Vorhöfe! Betet an den Herrn im heiligen Schmuck, und es fürchte Ihn alle Welt! Saget es unter den Heiden, dass der Herr allein König sei und habe Sein Reich, so weit die Welt ist, bereitet, dass es bleiben solle, und richtet die Völker recht! Himmel, freue dich, und du, Erde, sei fröhlich; das Meer brause, und was darinnen ist! Das Feld sei fröhlich, und alles, was darauf ist, und lasset alle Bäume im Walde rühmen vor dem Herrn; denn Er kommt, und Er kommt zu richten das Erdreich! Er wird den Erdboden richten mit Gerechtigkeit und die Völker mit Seiner Wahrheit."


Domenico Bartolucci ( 1917-2013 ): O Sacrum Convivium


Als unser Sänger und Harfner diesen Psalm ausgesungen hatte, machte er noch ein Nachspiel und schloss damit seine Produktion. Da überhäuften ihn die Fremden mit Lob und Beifall und gestanden, dass sie in ihrem ganzen Leben etwas Herrlicheres sowohl in der Saitenmusik und ebenso auch im Gesange nicht vernommen hätten und baten ihn auch um Vergebung, dass sie ihn gar so roh und grob empfangen hätten, baten ihn aber zugleich auch um die Wiederholung des gesungenen Psalmes."

Der Sänger aber fragte Mich, ob er das noch einmal tun dürfe.

Und Ich ( Jesus Christus ) sagte: "Tue das nur immerhin, denn herrlicher hat auch David diesen Psalm nicht gesungen!"

Und der Sänger sagte: "Herr, wer Du auch seist, - ich selbst auch noch niemals! Es kam mir unterm Singen wahrlich vor, als wäre mir Jehova ganz nahe gewesen und hätte mich wohlgefällig behorcht; und wieder kam es mir vor, als hätten ganze Chöre der Engel mit mir gestimmt." ( Gr. Ev. Joh., Bd. 9, Kap. 8, V. 6-14 )

Im darauf folgenden Kapitel ( im gleichen Band vom Großen Evangelium Johannes) erfährt dann der Leser der Neuoffenbarung, dass der Sänger genau "dreißig Jahre" ( Gr. Ev. Joh., Bd. 9, Kap. 9, V. 2 ) alt ist und er sagt: "Zudem hat mir nur dieser Herr ( Jesus Christus ) hier die Erlaubnis zur Produktion erteilt." ( Gr. Ev. Joh., Bd. 9, Kap. 9, V. 2 ) Das heißt: Mit dem dreißigsten Lebensjahr spielt er unter Anleitung von Jesus Christus ( und mit himmlischer Begleitung ) den Psalm 96, in dem es unter anderem um die Wiederkunft Christi geht.

Lieblings-Musikinstrument:

Violine.


Die von Ludwig van Beethoven zwischen 1817 und 1823 komponierte Missa Solemnis in D-Dur ( Op. 123 ) gilt als eine der bedeutendsten Leistungen des Komponisten überhaupt und zählt zu den berühmtesten Messen der abendländischen Kunstmusik. Der zentrale Punkt dieser Messe ist das Benedictus im vierten Satz ("Sanctus"), das besonders "mystisch" und lang gestaltet ist.


Missa solemnis - Benedictus von Ludwig van Beethoven
Violine: Vitor Dutra


Man hat zwar ein Bild vom Vater und eines vom Sohn, aber den Heiligen Geist als Teil der Heiligen Dreifaltigkeit kann man sich nicht vorstellen. Er ist für viele vielmehr etwas, das über allem schwebt. Und bei Ludwig van Beethoven kommt im Benedictus der Heilige Geist mit einer Violine zu den Menschen: Diese Violine symbolisiert hier den Heiligen Geist, der in der Menschwerdung Christi zur Erde herabsteigt. ( Und auf diese Weise leitet hier die Violine die bewegendsten Passagen des gesamten Werks ein. )


Alike


Im Mittelpunkt von allem steht also die Violine. Durch sie wird auch in dem spanischen Kurzfilm "Alike" aus dem Jahr 2016 ein Park in einer "monochromatischen" Stadt plötzlich "bunt". Das heißt: Die Violine präsentiert hier etwas Neues. Und so ist es auch eine der großen Aufgaben eines Symphonieorchesters, alte Kunst mit frischen Leben zu erfüllen ... und diese Aufgabe gilt auch für das zweifellos bedeutendste Violinkonzert aus der Epoche der Wiener Klassik: Das Violinkonzert von Ludwig van Beethoven aus dem Jahr 1806.


Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61 von Ludwig van Beethoven
RTVE Symphonie Orchester unter der Leitung von Walter Weller
Violine: Arabella Steinbacher


Nahezu zeitgleich wie Jakob Lorber lebte der polnische Komponist Frédéric François Chopin. Dessen im Jahr 1830 komponiertes Musikstück "Nocturnes Nr. 20" in cis-Moll wurde von der 1958 in Kanada geborenen Pianistin Louise-Andrée Baril mit Hilfe einer zusätzlich hinzugefügten Violine neu instrumentiert: Baril arrangierte auf diese Weise aus dem einstigen Solostück für Klavier ein Duo für Klavier und Violine.


Nocturne Nr. 20 in cis-Moll von Fryderyk Chopin
Violine: Angele Dubeau


An Hand des Vergleichs des neu arrangierten Musikstückes "Nocturnes Nr. 20" mit dem Adagio "Des Gatten Klage um seine zu früh verstorbene Gattin" in G-Dur ( Ode für Violine und Klavier ) von Jakob Lorber kann man den musikalischen Geschmack der romantischen Epoche Anfang des 19. Jahrhunderts sehr deutlich heraushören.


Prelude in E Moll op. 28 ( Nr. 4 ) von Fryderyk Chopin,
gespielt vom Trio Zingara:

Violine: Elizabeth Layton

Klavier: Annette Cole

Cello: Felix Schmidt


Zur Zeit der Spätromantik und nahezu zeitgleich wie Jakob Lorber lebte auch der deutsche Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy ( 1809-1847 ), der übrigens im Jahr 1843 in London die englische Erstaufführung von Ludwig van Beethovens oben genannten Violinkonzert D-Dur op. 61 dirigierte.

Ein Jahr später vollendete Felix Mendelssohn Bartholdy sein eigenes großes romantisches Violinkonzert in e-Moll op. 64. Es entstand in den Jahren 1838 bis 1844 und wurde 1845 in Leipzig uraufgeführt. Es war von Anfang an ein Erfolg und gehört inzwischen zu seinen populärsten Werken.


Das Violinkonzert in e-Moll op. 64 ( 1. Satz ) von Felix Mendelssohn Bartholdy
HR Symphonie Orchester unter der Leitung von Paavo Järvi
Violine: Hilary Hahn


Einen ähnlichen Stellenwert wie das Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy hat das in den Jahren 1866 bis 1868 entstandene das 1. Violinkonzert in g-Moll, op. 26, von Max Bruch.


Das Violinkonzert Nr. 1 in g-Moll op. 26 von Max Bruch
BBC Symphonie Orchester unter der Leitung von Jirí Belohlávek
Violine: Nicola Benedetti


Bewegend schön und herzergreifend sind auch die Violinkonzerte von dem venezianischen Komponisten Antonio Vivaldi ( 1678-1741 ), dessen ruhige Mittelsätze eine lyrische Qualität erreichen.


Das "Andante" aus dem Violinkonzert in E-Moll ( "Il Favorito" )
RV 277 von Antonio Vivaldi
Es spielt: Das italienische Kammerorchester "I Musici"
Violine: Salvatore Accardo


Lieblingsquelle:



Fernab vom Lärm der Welt liegt umgeben von Felsen und alten Bäumen malerisch versteckt in einer kleinen Talbucht der Quellsee der Andritz bei Graz ( Österreich ). Im Gegensatz zu den meisten Quellen sprudelt hier das Wasser nicht aus einer Öffnung kommend, sondern die Quelle bildet einen kleinen Teich, der den eigentlichen Quellaustritt am Grunde schwerlich erkennen lässt.



Das, was dem Teich hier aus der Quelle zufließt, das gibt der Teich sofort wieder weiter in den hier beginnenden Fluss der Andritz ... und somit in die weite Welt. Die Quelle wird damit bildlich vergleichbar den guten Werken, die mit Liebe und aufrichtigem Gedanken im Geiste Gottes getan werden: Durch sie nimmt die Liebe Gottes in der weiten Welt zu.

In der Neuoffenbarung durch Jakob Lorber heißt es hierzu: Was der Mensch unternimmt, das soll er stets mit einem lieberfüllten Herzen unternehmen. Niemandem soll er je etwas Böses tun wollen, sondern allzeit nur Gutes, besonders in geistiger Hinsicht. Ist so sein Sinn beschaffen, dann wird der Herr seine Handlung segnen und ihm selber Gleiches mit Gleichem lohnen. ( Die Geistige Sonne, Bd. 2, Kap. 84, V. 10-11 )

Humor:

Humor ist, wenn man trotz der Schnelllebigkeit unserer heutigen Zeit, noch verweilen und sich innerlich am Leben erfreuen kann.



Besondere Vorlieben:

Privat interessiere ich mich für alle theologischen und das Menschsein betreffenden Fragen. Dazu verfasse ich dann gerne Briefe, die Sie auch auf dieser Webseite lesen können. Inhalt und Ziel dieser Briefe ist eine an das frühe Christentum ausgerichtete Geisteshaltung und ein vom Geist der Bibel und den Schriften der Neuoffenbarung inspiriertes Gemeinwesen. Die große Herausforderung beim Schreiben dieser Briefe besteht vor allem darin, einen Text zu Papier zu bringen, der diese Ziele widerspiegelt, sich über mehrere Zeilen entfaltet - und zu einem lebendigen Organismus entwickelt. Ich sitze, wenn ich schreibe, - neben der Beschäftigung mit den oben genannten Schriften - einfach vor einem leeren weißen Blatt Papier ... und zwar so lange, bis mir dann die Worte kommen ... und ich sie dann aufschreibe.

Damit dieser Text lebendig wird, muss er für mich quasi "organisch" entstehen. Von daher gleicht mein Vorgehen beim Erstellen dieser Briefe dem der Schmetterlinge, die Nektar aus vielen Blüten saugen, und gleichzeitig damit Blütenstaub zur Vermehrung weitertragen. In diesem Sinne heißt es schon beim römischen Philosophen Lucius Annaeus Seneca ( 1 - 65 ): "Denn keine Einsicht würde mir Freude machen, und wäre sie auch noch so herrlich und ersprießlich, wenn ich das Wissen bei mir behalten müsste. Und schenkte man mir Weisheit unter der Bedingung, dass ich sie verschlossen hielte und nicht ein Wort davon verlauten ließe, ich würde darauf verzichten. Kein Gut, das man besitzt, macht Freude, wenn niemand daran teilhat."

Ich lese - neben der Bibel und den Schriften der Neuoffenbarung - so viel als möglich die Bücher der Kirchenväter - nicht um längst vergangene Zeiten zu kopieren, sondern um dadurch Neues zu schöpfen und um das gehortete Wissen der Bibliotheken öffentlich zu machen. Denn durch das Erinnern an Erkenntnissen, die bereits seit Generationen in den Seelen der Menschen wohnen, entsteht auch das Wiedererwecken von Lebenserfahrungen: So muss - nach meinem Verständnis - alles Verschüttete wieder freigelegt, alles Schlummernde wieder erweckt werden.

Meines Erachtens widerspricht dieses Vorgehen nicht dem Begriff der "Tradition". Denn "Tradition" heißt doch nicht, ein Museum zu bewahren ... Genauer gesagt: Die "Tradition" ist nicht ein schönes Museum, in das man eintritt und es betrachtet, aber niemals darin wohnen will. Die "Tradition" ist ein lebendiger Strom ... und aus den Schätzen, die sich daraus heraus gebildet haben, kann man schöpfen für ein lebendiges Christentum in der Gegenwart.

Die Menschen bilden sich gerne ein, dass sie etwas Neues schaffen, und sprechen daher auch stolz von ihren Erfindungen. Dabei übersehen sie, dass man immer nur finden, jedoch niemals "er-finden" kann. Denn alle Gedanken und Ideen sind potentiell schon immer da ... und in diesem Sinne gibt es eigentlich auch kein geistiges Eigentum. ( Das heißt: Der alte, göttliche Weisheitsschatz auf Erden ist das Eigentum aller Menschen, aller Nationen, aller Völker und aller Zeitalter. ) Demnach ist alles heute quasi nur noch ein "Remix" und kein "Original" mehr. Schließlich entwickelt sich jeder Gedanke, den man hat, aus einem Kontext heraus ... und alles, was heute neu entsteht, baut auf anderen Ideen auf, auf anderen Gedanken, die schon da waren ( ... und eigentlich aus der geistigen Welt kommen ). Man kann also gar nicht etwas einfach so aus der Luft schaffen.



Von dem römischen Philosophen Lucius Annaeus Seneca ( 1-65 ) stammt das Wort: "Das Meiste von dem, was wir zu wissen meinen, wissen wir durch Glauben." Das Kind glaubt, was die Eltern sagen, der Schüler glaubt seinem Lehrer, der Erwachsene den Mitmenschen, den Büchern, den Massenmedien und so weiter. Wer nur anerkennen wollte, was er selbst erfahren und ergründet hat, müsste angesichts der Kürze seines Lebens und der Enge seines Geistes zugestehen, dass er einfach nicht zurechtkommt. Das, was die Menschen aus eigener Erfahrung und eigenem Nachdenken wissen, ist im Grunde nicht sehr viel. Wer sich im praktischen Leben nur nach dem richten würde, was er durch eigenes Wissen erworben hat, würde nicht bestehen können. Also: Ohne Wissenserwerb auf Grund von Glauben kommt man im menschlichen Leben nicht durch.

In der Neuoffenbarung heißt es hierzu: "Daher gehet der Weise in die alte Rumpelkammer und findet da oft große Schätze vom Staube der Zeremonie bedeckt. Den Staub wischt er weg und legt das reine Gold in seine Schatzkammer. Desgleichen tuet auch ihr." ( Himmelgaben, Bd. 1, S. 99, V. 15 ) Und der Dichter Johann Wolfgang von Goethe schreibt in seinem Werk "Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die Entsagenden": "Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken." Und ähnlich äußerte sich auch der chinesische Lehrmeister Konfuzius ( 551-479 v. Chr. ), der sinngemäß hierzu sagte: "Ich lehre nichts Neues. Ich lehre, was meine Vorgänger lehrten. Ich liebe die Alten und deshalb lehre ich, was sie lehrten."

So gesehen muss Rückbesinnung nicht Rückschritt bedeuten, sondern kann auch als eine Möglichkeit gesehen werden, das geistliche Erbe an andere weiterzureichen. Man denke hierbei nur an den Ausspruch Jesu Christi ( Matthäus 13, 52 ): "Ein jeglicher Schriftgelehrter, der ein Jünger im Himmelreich geworden ist, gleicht einem Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt."



Besonders interessant ist für mich beim Schreiben der oben genannten Briefe vor allem der Entwicklungsprozess und das Ergebnis: Denn ich spüre beim Formulieren eine geistige Führung, die mich das niederschreiben lässt, was Gott will. Dieser Vorgang ist vergleichbar mit dem Malen, bei dem das Bild unbewusst schon im Innern des Malers da ist, ehe er es aus sich heraus auf die Leinwand bannt. Das heißt: Man selbst ist eigentlich nicht der "Macher", sondern derjenige, der niederschreibt, was die Stimme des Geistes einem eingibt beziehungsweise der Geber aller guten Gaben einem zuspielt. In diesem Fall ist man nicht selbst der aktive Teil, sondern Gott ist derjenige, der an einem handelt. Jakob Böhme schrieb hierzu: "Ich habe dem Geist immer nachgeschrieben, wie Er es diktiert hat und der Vernunft keine Stätte gelassen, und erkenne es nicht für das Werk meiner Vernunft."

Das heißt: Ich wache nicht morgens auf und sage mir: "Heute schreibe ich einen inspirierten Text." Sondern alles, was ich aufschreibe, kommt einfach zu mir - ich schreibe nur nieder als wäre ich ein Sekretär. Ich habe diese Texte demnach nicht erschaffen. Der deutsche Nobelpreisträger ( für Physiologie oder Medizin ) Hans Spemann ( 1869-1941 ) bemerkte hierzu in seiner Rektoratsrede von 1923: Wenn es "erlaubt ist ... für einen Augenblick die werktägliche Nüchternheit des exakten Forschers beiseite zu setzen, so will ich bekennen, dass ich bei meinen experimentellen Arbeiten oft das Gefühl einer Zwiesprache habe, bei der mir mein Gegenüber als der bedeutend Gescheitere vorkommt."

Dieses Phänomen formulierte in etwa auch der Psychologe C. G. Jung in dem Werk "Erinnerungen, Träume, Gedanken von Carl Gustav Jung" folgendermaßen: "Alle meine Schriften sind sozusagen Aufträge von innen her; sie entstanden unter einem schicksalhaften Zwang. Was ich schrieb, hat mich von innen überfallen. Den Geist, der mich bewegte, ließ ich zu Wort kommen." Ebenso schrieb der griechische Philosoph Sokrates ( 469-399 v. Chr. ), der sich selbst führen ließ von seiner Stimme der Stille, seinem Daimonion ( das ist die "intuitive Weisheit der Natur" ): "Die Seele umschließt in sich alles, und wer seine Seele kennt, kennt alle Dinge. Wer aber unwissend um seine Seele ist, ist unwissend um alle Dinge." Ähnlich formulierte hierzu der russische Dichter Fjodor M. Dostojewski ( 1821-1881 ): "Man kann vieles unbewusst wissen, indem man es nur fühlt, aber nicht weiß."

Bezogen auf das Malen wäre dann der oben genannte Schreibvorgang vergleichbar mit dem wahllosen Setzen von Farbklecksen auf eine Leinwand: Erst im Nachgang erkennt man in den entstandenen Figuren einen Ausdruck der inneren Führung. Das heißt: Das einem unsichtbare Reich Gottes - das Gefühl der unwiderstehlichen, inneren Führung - ist hier die Quelle der Niederschrift. Alles wird so zu einem von Gottes Geist gelenkten Vorgang: Durch Seine liebende Erbarmung entsteht das niedergeschriebene Wort und nicht durch einen sich aus sich selbst entwickelndem Vorgang des Zufalls und der Notwendigkeit. Denn diese Niederschrift als fortdauernde Schöpfung entgleitet niemals den Händen des Schöpfergottes.

Wichtig ist bei diesem Schreibvorgang auch, dass man seine Gedanken auf einen Punkt konzentriert und alle Nebengedanken von sich fernhält. Denn so verlieren die Nebengedanken allmählich an Bedeutung und es eröffnet sich einem immer neues zum Hauptgedanken beziehungsweise zur Vervollkommnung desselben. Das heißt: Man hält sich an einem Gedanken fest und lässt nur diesen von Gott spinnen und weben. Auf diese Weise erlebt man, dass eine höhere Hand einem zum Ziel führt. ( Das passende Sprichwort lautet hierzu: "Der Mensch denkt - Gott lenkt." ) Das heißt: Man arbeitet sich Schritt für Schritt voran ... und irgendwie weiß man, welches die richtige Richtung ist. Denn man folgt der inneren Eingebung von oben. Im Alten Testament heißt es hierzu: "Ihr werdet alle von Gott gelehrt sein." ( Jesaja 54, 13 )

Der Kirchenvater Aurelius Augustinus ( 354-430 ) spricht in diesem Zusammenhang vom "inneren Wort": "Ich will hören, was Gott der Herr in mir redet, spricht der Prophet. Gott redete inwendig in ihm, und die Welt machte ihm auswendig ein Geräusch; so zog er sich ab vom Geräusch der Welt und kehrte sich zu sich selbst und von sich an Den, Dessen Stimme er inwendig hörte. Ferner spricht er: Gehe nur in dich selbst, denn du kannst Gott nirgends besser finden als in dir selbst. Gehst du in dich selbst, so gehst du in Gott, denn Gott ist in dir. O du edle Seele! O du edle Kreatur! Was bemühst du dich doch, außer dir zu suchen Den, Der wahrhaftig ganz bloß in dir ist."

In der Stille ist allein Gottes Gnade ausschlaggebend ... und nicht menschliches Bemühen ... Und genau das ist der Moment, den ich beim Schreiben immer wieder aufs Neue aufsuche: Das "Loslassen" und das Gefühl, dass man ab diesem Zeitpunkt getragen beziehungsweise geführt wird: Es wirkt fortan eine innere Stimme, die nicht nachlässt, bis Sein Wunsch der Niederschrift erfüllt ist. Das heißt: Durch diese Inspiration wird man in sich des Göttlichen bewusst: Man fühlt sich wie von etwas Größerem ergriffen, wie ein Schreibstift in Gottes Hand, der einen mit vorwärtsdrängender Energie alles das niederschreiben lässt, was geschrieben werden muss ... Und so geht während des Schreibprozesses das Werk Seine Eigenen ( himmlisch-schönen ) Wege.



Oft kommt die Inspiration meist morgens im Bett, wenn der Verstand noch im Halbschlaf ist und die Gedanken aus der Tiefe ungefiltert aufsteigen können. Am Anfang steht das Gefühl ... und erst danach kommen die Worte. Auf diese Weise ist der geschriebene Text in erster Linie eine Botschaft an die Seele ... und nicht an den Verstand. Das heißt: Das Gefühl wird hier umgewandelt in Worte, die von einer inneren Erfahrung berichten. Es ist wie beim Beten aus dem Herzen: Man murmelt - zum Teil ohne sinnvolle Worte - vor sich hin und drückt sich nur mit der eigenen Stimme, aber sozusagen ohne Verstand aus: Indem man frei aus sich heraus - ohne vorformulierte Worte - betet, spürt man die Verbundenheit mit der geistigen Welt. Man erkennt: Dieses Gebet bewirkt man nicht selber, sondern allein der Geist Gottes ( Römer 8, 26 ).

Am Ende des Schreibprozesses werden die zu Papier gebrachten Gedanken noch einmal überarbeitet. Das heißt, dass ich nach einem gewissen zeitlichen Abstand unterscheide, was wichtig und was verzichtbar ist: Ich lese und verbessere. Es gibt keine gute erste Fassung. Ich überarbeite den Text so lange, bis ich ihn fast auswendig kenne und genau weiß, an welcher Stelle ich welchen Hinweis eingearbeitet habe. Ein ähnlicher Vorgang vollzieht sich auch bei den Bewohnern der Sonne. In der Neuoffenbarung heißt es hierzu: "Fürs geistige Bedürfnis gibt es dort eine Art Bilderbücher, durch welche Bilder die Menschen alle gemachten Erfahrungen und Anschauungen aufzeichnen. – Wenn ein Mensch eine gewisse Anzahl solcher Bücher von Erfahrungen und Anschauungen gesammelt hat, so übergibt er sie einem Kollegium, unter welchem er allenfalls steht. Dort werden alle diese Erfahrungen und Anschauungen fein durchgeprüft; das Brauchbare wird dann in ein allgemeines Protokollbuch eingetragen, das Unbrauchbare und Kleinliche aber gewöhnlich durchgestrichen. Sodann bekommt der Überbringer seine Bücher wieder gewisserart korrigiert zurück und schreibt oder zeichnet sich das Gebilligte in ein neues Buch, welches dann ein Hauptbuch eines Hauses ist." ( Die natürliche Sonne, Kap. 27, V. 15-16 )

Auf dieses Weise kommt also bei diesem Schreibprozess der Verstand zum Einsatz. Das heißt: An dieser Stelle bin ich am Sondieren und Prüfen, ob das von mir Geschriebene auch wirklich mit der Kernbotschaft dieser Web-Seite übereinstimmt. Es stellt sich hierbei die Frage: Was ist von Gott und was entstammt dem eigenen "Ich". In der Neuoffenbarung heißt es hierzu: "Wer eine Offenbarung als wahr annimmt und danach handelt, der kommt dann auch bald zu stets hellerem Erkennen und zum wahren, selbständigen, freien Leben. Wer aber das nicht tut, sondern sich allein auf seine Vernunft und an seine Erfahrungen hält und danach handelt, der begeht darum keine Sünde; aber er bleibt dennoch zurück und wird um sehr vieles länger zu tun haben, bis er zur reinen Erkenntnis Gottes und zur Vollendung seines inneren, wahren Lebens gelangen wird. Wer aber die volle Wahrheit einer Offenbarung annimmt und sie mit seinem Verstande klar einsieht, aber eigenwillig dagegen handelt, der sündigt und verdirbt dadurch sein Leben auch jenseits auf eine für euch oft undenkbar lange Zeitenfolge; denn der ist allen inneren Lichtes bar, da er weder seiner absoluten Vernunft, noch der wohlverstandenen Offenbarung willig Folge geleistet hat." ( Das Große Evangelium Johannes, Bd. 6, Kap. 204, V. 10-11 )

Für den Schreibprozess gilt demnach, mutig das Risiko zu wagen, einen Schritt weiterzugehen als die meisten Menschen, indem man sich zurückzieht und ganz und gar Gott hingibt ... um dadurch Außergewöhnliches in der Welt hervorzubringen.

Derjenige jedoch, der nur "oberflächlich" lebt, bleibt fern von dieser geistigen Erfahrung: Wer nur im Vordergründigen lebt, wer im Getöse des Alltags aufgeht, sich gleichsam im Strom des Gewöhnlichen und Üblichen treiben lässt, vollauf beschäftigt mit den Dingen dieser empirischen Welt, dem kann sich die Tiefendimension der Wirklichkeit nicht erschließen. Darum lebte uns Jesus Christus, als Er auf Erden wandelte, auch ein "spirituelles Leben" vor, zu dem unter anderem das Gebet der Stille gehört.

Bernhard von Clairvaux schreibt hierzu: "Es braucht sich keiner zu bemühen, dass er diese innere Stimme vernehme. Es kostet eher Mühe, die Ohren zu verstopfen, um nicht zu hören. Die Stimme bietet sich von selbst dar, drängt sich auf und pocht ohne Unterlass an des Herzens Tür. Auch jetzt ist sie uns nahe und spricht zu uns; aber vielleicht ist niemand da, der sie hört. Auch jetzt ruft sie: Kehret heim zu eurem Herzen! Es ist nicht nur eine Stimme voll Macht, sondern auch ein Lichtstrahl, der die dunklen Winkel erhellt. Es ist kein Unterschied zwischen dieser inneren Stimme und dem inneren Licht, denn ein und dasselbe ist der Sohn Gottes, das Wort des Vaters, der Abglanz der Herrlichkeit."



 


Nachtrag:

 

Sprachübersetzung